Familiensteckbriefe

Interviews: Joelle Löw

Mami Sophie und Mama Selin mit ihrem Kind Levin (6 Monate) 

Sophie: «Wir haben dank einer tollen Kinderwunschklinik in Wien einen Sohn bekommen. Herausfordernd war die Zeit davor, als wir versucht haben, unseren Kinderwunsch in der Schweiz zu erfüllen, aber dabei zahlreiche negative Erfahrungen machen mussten. Der Weg ins Ausland war mit viel Aufwand, Kosten und gravierenden rechtlichen Folgen verbunden. Der Entscheid ist uns sehr schwergefallen. Rückblickend würden wir direkt ins Ausland gehen, als Frauenpaar haben wir dort eine viel offenere und professionellere Behandlung erlebt. Es entspannt uns auch zu wissen, dass unser Sohn den Spender mit 14 Jahren kontaktieren könnte, aber die Klinik eine gewisse geografische Distanz hat.

Wir waren auch zu zweit sehr glücklich, aber seit unser Kind da ist, ist unser Leben perfekt. Genau wie davor unternehmen wir viel und geniessen die gemeinsame Zeit zu dritt sehr. Oft werden wir auch auf der Strasse angesprochen, weil unser Sohn so süss ist. Gerne erklären wir dann, dass unser Sohn zwei Mütter hat und unendlich viel Liebe bekommt.

Wir wünschen uns, dass wir und andere Regenbogenfamilien sich zukünftig keine Gedanken mehr über die rechtliche Absicherung machen müssen, indem sie von Geburt an abgesichert sind und kein diskriminierendes und völlig unnötiges Stiefkindverfahren durchleben müssen.»

Céline und ihr*e Ex-Partner*in mit Finn (4) 

Céline: «Ich lebe seit eineinhalb Jahren getrennt, wir teilen uns die Kinderbetreuung 50/50. Familie bedeutet für uns, sich zu vertrauen, füreinander da zu sein und einander Geborgenheit und Liebe zu geben. Seit der Trennung hat das noch an Bedeutung gewonnen. Auch wenn wir immer gesagt haben, dass man nicht unter einem Dach wohnen muss, um Familie zu sein, war es schwer, dieses klassische Bild loszulassen. Es hat geholfen, viel darüber zu sprechen. Wir sind weiterhin Familie, auch wenn wir unsere eigenen Leben führen. Als Elternpaar funktionieren wir sehr gut – da steckt viel Arbeit drin, immer wieder aufs Neue. Unser Kind spürt die Verbindung zwischen uns. Unsere Familie besteht aus unserer Kernfamilie und einem erweiterten Kreis aus Freund*innen und Verwandten – daran hat sich durch die Trennung nichts geändert.

Wir haben uns 2021 entschieden, eine Familie zu gründen – wir wollten nicht warten auf die Ehe für Alle. Uns war bewusst, dass wir den Weg über die Stiefkindadoption gehen müssen. Wir haben eine anonyme Samenspende bei einer Gynäkologin in Deutschland gemacht, das ist alles gut verlaufen, und wir sind dem Spendermenschen im Stillen sehr dankbar für unser Kind. Im Adoptionsprozess habe ich mich oft nicht ernst genommen gefühlt, obwohl ich von Anfang an da war und meine Rolle als Elternteil lebe. Das war sehr verletzend. Gleichzeitig habe ich auch viel Unterstützung und Positives erlebt.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass rechtliche Elternschaft selbstverständlich wird – unabhängig davon, wie ein Kind gezeugt wurde. Kein Mensch sollte vorgeschrieben bekommen, wie, wo oder mit wem ein Kind entsteht.»

Mama Tiziana und Mama Simona mit 4 Kindern (18, 6 und 4-jährige Zwillinge) 

Tiziana: «Wir sind zwei Mamas mit vier Kindern. Das grösste Kind hat die Bauchmama mit in die Beziehung gebracht und ist bereits ausgezogen. Die drei kleineren Kinder haben wir zusammen bekommen. Unsere Familie ist Stück für Stück gewachsen. Alle bringen ihre eigene Geschichte mit, und genau das macht uns heute so stark. Der Weg war nicht immer einfach – besonders das Zusammenfinden als Familie, das Abstimmen von Bedürfnissen und das gemeinsame Wachsen hat uns gefordert. Wir haben gelernt, offen zu kommunizieren, einander zuzuhören und als Team zu funktionieren. Heute wissen wir: Familie ist nichts, was einfach da ist – sie ist etwas, das man jeden Tag aktiv gestaltet.  Herausfordernd war vor allem der Weg zu unseren gemeinsamen Kindern: die ganze Vorbereitung, das Informieren, die Hürden während der Entstehung der Kinder – und auch die Stiefkindadoption danach hat ganz schön Nerven gekostet.

Familie zeigt sich für uns in den kleinen Momenten: wenn alle zusammen am Tisch sitzen, durcheinanderreden, lachen und keiner wirklich still ist. Wenn ein Kind Trost braucht und sofort jemand da ist. Oder am Sonntagmorgen alle im Pyjama auf dem Sofa kuscheln. Wenn wir abends auf dem Sofa sitzen und trotzdem wissen: Genau das ist unser Glück. Familie bedeutet für uns Geborgenheit, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, genau so richtig zu sein, wie man ist!

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass wir uns dieses Gefühl von Zusammenhalt und Leichtigkeit bewahren können – auch wenn die Kinder grösser werden und sich vieles verändert. Dass unser Zuhause immer ein Ort bleibt, an den alle gern zurückkommen. Und dass wir unseren Kindern mitgeben können, wie wichtig Liebe, Respekt und Offenheit sind – egal, wie eine Familie aussieht.»

Milena und Tatjana mit Kai (bald 2)

Milena: «Unser Kind kam mit Unterstützung eines Kinderwunschzentrums in Wien zu uns, durch eine IVF-Behandlung mit der ROPA-Methode. Diese hat von Anfang an wunderbar angeschlagen, wir hatten grosses Glück. Die Reisen nach Wien waren für uns mit Vorfreude und schönen Momenten verbunden. Diese Zeit war nicht nur ein medizinischer Prozess, sondern auch eine sehr positive und verbindende Erfahrung für uns als Paar. Heute ist es deshalb etwas ganz Besonderes, wenn wir nach Wien reisen, denn es fühlt sich fast ein bisschen an wie nach Hause kommen. Wir verbinden diese Stadt auf eine ganz eigene Weise mit unserer Familie.

Familie bedeutet für uns heute, zusammen zu sein, sich zu lieben und wertzuschätzen, füreinander da zu sein und füreinander einzustehen. Wir verbringen unglaublich gerne Zeit zu dritt und es ist uns besonders wichtig, diese bewusst einzuplanen. In unserer Freizeit unternehmen wir viel gemeinsam: Ausflüge, Museen, Natur, Spielplätze. Besonders schön finden wir zu beobachten, dass Kai ‘Zuhause’ nicht mit einem bestimmten Ort verbindet, sondern mit uns als Familie. Genau deshalb ist das Reisen mit ihm für uns so unkompliziert und einfach etwas ganz Besonderes. 

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass unser Kind seinen eigenen Weg gehen kann, ohne dass unser Familienmodell hinterfragt, stigmatisiert oder kritisiert wird. Wir wünschen uns eine Welt, in der jede Familie ihren Platz hat, anerkannt wird und in ihrer Einzigartigkeit als genauso wertvoll gesehen wird wie jede andere.»

Noemi und Ayla mit zwei Kindern (4 und 2)

Noemi: «Nach meiner Krebserkrankung war lange ungewiss, ob ich selbst ein Kind austragen kann. Trotzdem versuchten wir es über viele Jahre mit einem privaten Spender aus dem Freund*innenkreis, abwechselnd bei meiner Frau und mir. Das war eine belastende Zeit mit vier Fehlgeburten insgesamt. Nach meiner eigenen Fehlgeburt hielt ich an der Hoffnung fest, dass es bei mir klappen könnte, trotz der ärztlichen Einschätzung von nur 0,5 % Erfolgschance. In dieser Zeit entschieden wir uns, einen Hund aufzunehmen, der für uns auch eine besondere Bedeutung als ‘Storch’ bekam. Nach einem weiteren Versuch wurde ich mit unserem jetzt vierjährigen Kind schwanger. Zwei Jahre danach wurde meine Frau schwanger durch eine Samenspende in einer Reproduktionsklinik in der Schweiz, nun möglich durch die Ehe für Alle.

Der Mangel an Informationen über Möglichkeiten für queere Paare Eltern zu werden, war für uns eine grosse Herausforderung. Trotz der Ehe für Alle bestehen weiterhin grosse Hürden, etwa beim Adoptionsverfahren. Das haben wir als sehr belastend und unangemessen erlebt.

Unser Familienalltag ist stark von Bewegung und Organisation geprägt. Meine Frau und ich pendeln, die Kinder sind an drei Tagen in der Kita, um unseren Hund kümmern sich oft auch Menschen aus unserem Umfeld. Manchmal stellt sich unser Vierjähriger zu uns, umschlingt unsere Beine und sagt: «Familie.» In solchen Momenten schmilzt mein Herz, und ich weiss, dass wir alles haben, was wir uns je gewünscht haben. Familie ist für uns kein biologisches Konzept, sondern etwas, das wir gemeinsam erschaffen. Sie entsteht dort, wo Menschen sich füreinander entscheiden, Verantwortung teilen und Zeit miteinander leben. Dazu gehören auch Freund*innen. Familie ist für uns ein gelebtes Miteinander, gewählt, gewachsen. Nicht Herkunft entscheidet darüber, sondern Nähe, Fürsorge und das bewusste Ja zueinander.

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass alle Familienformen von Anfang an rechtlich abgesichert sind, ohne zusätzliche Hürden. Wir wünschen uns einen diskriminierungsfreien Zugang zur Reproduktionsmedizin, unabhängig von Familienkonstellation, Identität oder Einkommen.»

Co-Parenting-Regenbogenfamilie mit fünf lesbisch/schwulen Erwachsenen und zwei Kindern (14 und 17 Jahre)

Christian: «Laura (Mutter des ersten Kindes) und ich (dessen Vater), kennen uns seit unserer Jugend und wünschten uns beide Kinder. Gemeinsam entstand die Idee, diesen Wunsch im Co-Parenting umzusetzen. 2008 kam unser Sohn zur Welt. Kurz darauf zog ich bei einem Freund in die WG und dieser beteiligte sich zeitweise an der Betreuung. Daraus entwickelte sich mit der Zeit die Idee, dass er Vater eines zweiten Kindes werden könnte. In intensiven Gesprächen wurden Vorstellungen und Erwartungen geklärt. Wichtiger Konsens war, dass die beiden Kinder als Geschwister gemeinsam aufwachsen können und dass wir die Betreuungsarbeit unter den Elternteilen gleichberechtigt aufteilen wollten. 2012 wurde die Tochter von Laura und Fabian geboren. Während der ersten sieben Jahre lebten die beiden Kinder Halbzeit in der WG der Väter und Halbzeit in der WG der Mutter und es war für alle toll, die gemeinsame Entwicklung der Kinder mitzuerleben und zu begleiten. Da wir uns alle vertrauten, konnten wir auch die grosse Freiheit in der kinderfreien Zeit geniessen. Was wir schnell merkten, war, dass wir bei gemeinsamen Aktivitäten festlegen sollten/mussten, wer der Erwachsenen gerade im Lead ist, damit keine Konfusionen entstehen und alle Verantwortung tragen konnten.

Über die Zeit sind Partner*innen dazugekommen und die Familie ist so grösser geworden. Die Familienmitglieder leben heute an drei verschiedenen Orten im selben Quartier, so sind die Wege kurz. Als regelmässige gemeinsame Zeit hat sich ein Abendessen alle zwei Wochen bewährt und dazwischen färben und suchen wir gemeinsam Ostereier, feiern Geburtstage und Weihnachten zusammen, oder machen in unterschiedlichen Konstellationen gemeinsame Ausflüge. Familie bedeutet für uns, am Leben der anderen teilzuhaben und bei Bedarf auch gegenseitig auszuhelfen oder zu unterstützen, z.B. wenn jemand gerade eine intensivere Weiterbildung besucht oder längere Ferien plant. Kurz: füreinander da zu sein. 

Wichtig sind uns die Verbindungen zu den Herkunftsfamilien, der Austausch untereinander, und der Wunsch, dass diese Beziehungen auch bleiben, wenn die Kinder selbstständiger werden – und dass wir weiterhin gemeinsam feiern und den gegenseitig bereichernden Austausch geniessen können.»