Das erste Mal ist überwältigend. Jedes weitere Mal genauso. Umgeben von über 40’000 trans Menschen und Allys an der Trans Pride Brighton auf der Promenade am Meer entlang zu marschieren (1) mit glühendem Herzen, Gänsehaut am ganzen Körper und Tränen in den Augen, ist etwas vom Kraftvollsten und Berührendsten, was ich je erlebt habe. Und immer wieder erleben will.
Text: Mo
Bereits zum vierten Mal in Folge reisen wir gegen Mitte Juli nach Brighton. «The Queer Capital of Britain», wie sie manchmal auch genannt wird, ist seit langem ein beliebtes Ausflugsziel für Londoner*innen, Teenie-Sprachschüler*innen und Gays (2).
Just in diesem Brighton war es, da im Jahr 2013 die allererste Trans Pride ausserhalb der USA stattfand, mit ein paar Hundert Teilnehmenden, initiiert von fünf lokalen trans Menschen, die sich an der sogenannten Main Pride, die vor allem das L, das G und das B feierte, nicht repräsentiert und willkommen fühlten. Seither gibt es sie. Gewachsen in ihrer Grösse, ist sie ihrem grassroots Ursprung treu geblieben: Von der Community für die Community. Nicht dem Sponsoring verfallen, sondern ein politischer Protest wie eh und je (remember, the first pride was a riot). Keine Soundwagen, sondern eine kürzere und zugänglichere Route. Keine Firmen-Banner, nur ein wogendes Meer aus Kartonschildern, Flaggen und wunderschönen Menschen. Die Themen ähneln sich hier und da: Verbot von Konversions-Therapien, f*** JK Rowling (3), Trans Rights are Human Rights, Protect Trans Kids (4). Die Menge Menge an kreativen und pointierten Sprüchen auf den Schildern ist ein kleines Highlight.
















Fotos: Karin (Etienne) Scheidegger arbeitet als freischaffende_r Fotografix & hat zwischen 2018 und 2022 Trans Pride Brighton fotografisch begleitet. Scheidegger ist Herausgeberix von «Klick Reportage Magazin» und hat 2022 das Projekt #ThisIsWhatNon-BinaryLooksLike #SwissEdition ins Leben gerufen. www.karinscheidegger.ch
Zum After Programm wird in zwei Parks geladen. Ruhig(er) ists im einen, mit Infoständen von Organisationen, ein paar wenigen Foodtrucks, kleiner Bühne mit Konzerten und Performances, Kuchen vom Mittagstisch HIV-Positiver Menschen. Eine Ecke mit DJs zum Tanzen und die einzige kleine Bar, die Alkohol verkauft, sowie weitere Info- und Essensstände gibts im anderen. Alles klein und cute und DIY, alles sehr sorgfältig und inklusiv gedacht, mit Gebärdensprach-Dolmetscher*innen, Rollstuhl-Befahrbarkeit, Kinderecke, Einlassbeschränkung (und Warteschlangen), damit es nicht zu eng wird.
Die Menge an Organisationen, die sich für Trans-Themen einsetzen, ist beeindruckend. Die transfeindliche Politik der britischen Regierung und das dahinsiechende Gesundheitswesen zwingen die Menschen, für sich selbst und füreinander zu kämpfen, Schlupflöcher in Gesetzen zu suchen und Supportstrukturen aufzubauen. Da lassen sich für den eigenen Aktivismus Ideen abschauen, Informationen einholen, Kontakte herstellen.
Es ist aber nicht nur dieser eine Tag. Es ist die ganze magische Woche davor, die Trans Pride Week, in der zahlreiche Veranstaltungen stattfinden. Open Mic Poetry Night im Queer- und BIPoC-geführten Actors Pub. Makers Markets, an denen cute trans Künstler*innen an kleinen Marktständen ihre cute Kunst ausstellen und verkaufen. Das International Trans Pride Film Festival, das am Freitagabend im alten Duke of York Picturehouse Kino mit zwei Stunden sorgfältig kuratierter Trans-Kurzfilme den Auftakt zum Trans Pride Wochenende bildet. Die Stadt füllt sich mit Trans-Farben und trans Menschen. Die Körper sind sichtbar, am Strand, in den Strassen und Cafés, im Supermarkt, an den Events.
Die Trans Pride Brighton hat nicht nur andere Städte in der UK und in Europa inspiriert, ihre eigenen Trans Prides zu etablieren, sondern auch Brighton als Stadt geprägt. Neben den althergebrachten cis-gay Bars, Bear Pubs und Sexshops entstehen neue, queer-inklusive Treffpunkte. Das Actors Pub. Der kleine Buchladen Queery mit Café ohne Konsumzwang. Das grosse queere Ledwards Community-Center, das täglich geöffnet hat und in dem Menschen bezahlt arbeiten. Im Tesco Supermarkt um die Ecke, im punkigen Café, im fancy Kleiderladen arbeiten trans Menschen. Aber auch Projekte wie MyGenderation, die bereits über 100 Kurz-Dokus von und über trans Menschen produziert und veröffentlicht haben, tragen dazu bei. Es ist das gesamthafte Erfahren und Erleben von so viel Transness an einem Ort und in einer solchen alltäglichen Selbstverständlichkeit, das so glücklich macht.
Eine Sommerliebe, die hält.

