Geplaper: Wenn Patient*innen das Wort ergreifen

Eine Empfehlung für eine tolle medizinische Fachperson kann für queere Personen vieles verändern etwa wenn beim Begriff «non-binär» nicht fragend mit den Schultern gezuckt wird.

Text: Jasmin Imboden

Auf der Online-Plattform geplaper.ch teilen Personen ihre Erfahrungen und Empfehlungen zu diskriminierungssensibler Gesundheitsversorgung. Sie ermöglicht Zugang, Wissensaustausch und echte Anerkennung individueller Lebensrealitäten im Gesundheitssystem.

«geplaper» ist ein Akronym aus den Worten «Gesundheit, Plattform und Persönlich». Sie spiegeln die drei zentralen Werte des Projektes. «Geplaper» stärkt die Gesundheit durch persönliche Empfehlungen auf Basis von Patient*innenerfahrungen und fördert digitale nachbarschaftliche Hilfe über das eigene Umfeld hinaus. Die Plattform will individuelle Bedürfnisse berücksichtigen und Barrieren im Zugang zur Gesundheitsversorgung für diskriminierte Personengruppen abbauen. Gleichzeitig spielt die Bezeichnung augenzwinkernd mit dem Begriff „Geplapper“. Was früher als belanglos galt und auf misogyne Weise abgewertet wurde, wird hier zur feministischen und politischen Handlung: Patient*innen plappern, ergreifen das Wort.

Logo von Geplaper, Illustration von Anna Weber

Entstanden ist «geplaper» aus einer alltäglichen Not: Der Suche nach diskriminierungssensiblen Fachpersonen im Gesundheitssystem. Also gründeten sieben Personen – teils selbst aus dem Gesundheitswesen, teils aktivistisch verankert und stets über den neuesten Forschungsstand informiert – eine Plattform, auf der Empfehlungen zu diskriminierungssensiblen Fachpersonen gesammelt, moderiert und veröffentlicht werden.

Gegen Diskriminierung im Behandlungszimmer

«Geplaper» unterstützt Personen, die sich im komplexen Gesundheitssystem schwer zurechtfinden und noch wenig Wissen über diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung haben.  Sie erfahren laut Studien häufiger Diskriminierung im Gesundheitswesen. Oft betrifft dies BIPoC, queere, trans, non-binäre, mehrgewichtige, HIV-positive Personen sowie Personen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. 

Mit «geplaper» kann gezielt nach Erfahrungen von Personen mit ähnlichem Hintergrund gesucht werden. Passende Fachpersonen können weiterempfohlen werden und die Einträge sind moderiert sowie patient*innenzentriert. Die Plattform ermöglicht so niederschwellig den Zugang zu respektvoller, diskriminierungssensibler Versorgung. Die Empfehlungen beruhen auf persönlichen Erfahrungen – unvollständige, widersprüchliche oder von Fachpersonen verfasste Beiträge werden nicht veröffentlicht, erklärt das Kollektiv. 

Gesundheit ist nicht neutral

Auch wenn unser medizinisches System gern diesen Anspruch erhebt, so ist es nicht neutral. Wer wie behandelt wird, und ob sich Patient*innen in einem Behandlungszimmer sicher fühlen können, hängt oft weniger von Symptomen als von konstruierten sozialen Kategorien ab. 

Laut einer aktuellen Schweizer Studie erleben über 25 % der LGBTIQA+-Personen mindestens einmal in ihrem Leben Diskriminierung im Gesundheitswesen. Bei trans und non-binären Personen liegt diese Zahl noch deutlich höher. Viele queere Personen berichten von abwertenden Kommentaren, Unkenntnis und einem pathologisierenden Umgang mit ihrer Identität. Das Vertrauen in Ärzt*innen ist bei LGBTIQA+-Personen nur halb so gross wie in der Gesamtbevölkerung. Die Folge: Sie meiden medizinische Angebote, selbst wenn sie sie dringend bräuchten.

Die Konsequenzen sind gravierend – nicht nur individuell, sondern strukturell. Diskriminierung im Gesundheitswesen ist ein systemisches Problem. Es beginnt in der medizinischen Ausbildung, setzt sich in unreflektierten Standards fort und zeigt sich in Behandlungsrichtlinien, die für den «weissen, cis-männlichen heterosexuellen Standardkörper» konzipiert sind – und alle anderen vergessen.

Gerade deshalb ist eine Plattform wie «geplaper» mehr als ein digitales Projekt. Sie ist ein gesellschaftspolitisches Statement: gegen Unsichtbarkeit, gegen medizinische Ignoranz, für Autonomie. Und sie springt für das staatliche Gesundheitssystem ein, das Lücken aufweist und bisher keine angemessene Versorgung für alle Personen garantiert. Auf «geplaper» schreiben von Diskriminierung betroffene Personen ein Stück Versorgungsgeschichte selbst – jenseits klinischer Checklisten und akademischer Diskurse. Sie erhalten so Macht, denn nur wer das Wort ergreift, hat etwas zu sagen – und wird gehört.