Activist Burnouts stellen eine reale Bedrohung für aktivistische Bewegungen dar. Höchste Zeit, sie sich einmal etwas genauer anzuschauen.
Text: Regina Frei
Das erste Mal ist mir der Begriff des Activist Burnout begegnet, als eine befreundete Person schilderte, wie sehr sie ihre aktivistische Arbeit momentan belaste, und eine andere befreundete Person antwortet: «Sones Activist Burnout kenni au».
Seither höre ich den Begriff überall. Er beschreibt Symptome, die denjenigen eines klassischen Burnouts gleichen, doch spezifisch auf die aktivistische Arbeit bezogen sind (Beeinträchtigung des psychischen und emotionalen Wohlbefindens; Verschlechterung des körperlichen Wohlbefindens; starke Gefühle von Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit in Bezug auf dein Engagement, au scho gha?). Bestehende Forschung bezeichnet das Activist Burnout als das «Endresultat von chronischem Dauerstress, bei dem idealistische und hoch engagierte Menschen ihr Gemüt verlieren».
Hast du deinen Idealismus und dein Gemüt verloren? Du bist nicht allein. Activist Burnouts stellen ein immer grösseres Problem im Aktivismus dar. Wenn du dich für soziale Anliegen wie Gleichberechtigung einsetzt, bist du tatsächlich besonders Activist-Burnout-gefährdet. Dafür gibt es einige Erklärungsansätze. Bei Aktivist*innen für soziale Gerechtigkeit ist die emotionale Involviertheit sehr hoch, und sie bewegen sich in einem Umfeld, in dem Selbstlosigkeit und Selbstaufgabe Teil des Selbstverständnisses ist; das persönliche Wohlbefinden steht an zweiter Stelle. Die Aktivist*innen tendieren dazu, sich selbst den Druck aufzuerlegen, die Welt um sie herum zum Guten verändern zu müssen. In vielen Fällen sind sie ausserdem selbst von der Diskriminierung betroffen, gegen die sie sich engagieren. Die Vermutung liegt nahe, dass sich selbst-betroffene Aktivist*innen schlechter von ihrer aktivistischen Arbeit abgrenzen können, und sich auch ausserhalb des Aktivismus weiterhin mit den Themen auseinandersetzen (müssen). Und/oder die Betroffenen erwarten ein Gefühl von existenzieller Signifikanz durch ihre Arbeit und durch politischen Aktivismus, und erhoffen sich dadurch Sinnhaftigkeit für ihr ganzes Leben. Wenn die Erwartungen, die sie an sich selbst, ihre Erfolge und das Umfeld gestellt haben nicht eintreffen, kann es sich für sie wie ein grosses Versagen anfühlen, das ins Burnout führt.
Das Ausbrennen von Aktivist*innen ist eines der grössten Probleme von aktivistischen Bewegungen. Je mehr Menschen sich aufgrund der zunehmenden Belastung zurückziehen müssen, desto mehr Belastung bleibt an den Verbleibenden hängen – was diese immer mehr zermürbt.
Besonders die Identifikation mit der Sache und das Verantwortungsgefühl, die Welt verbessern zu müssen, sind ein signifikanter Risikofaktor für ein Activist Burnout. Die Fähigkeit, sich abgrenzen zu können und die eigenen Grenzen zu spüren, ist der Schlüssel zur Entlastung. Dies sind auch die Erkenntnisse der Forschung, die eine positive Wirkung von Selbstfürsorge auf die psychische Gesundheit von belasteten Aktivist*innen festgestellt haben. In «Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!» beschreibt Svenja Gräfen, dass Selbstfürsorge in einem kapitalistischen System, das von Aufopferung profitiert, ein aktivistischer Akt ist.
Die Forschung zeigt zudem, dass Achtsamkeitspraktiken auf vielfältige Weise Activist Burnout-Symptome mildern können. Es wird geübt, den Druck loszulassen, Ungerechtigkeit sofort beseitigen zu müssen. Dies ermöglicht, das grosse Ganze zu sehen. Achtsamkeitspraktiken sind des Weiteren ein Tool, um akuten Stress zu bewältigen. Wichtig ist auch, neben dem Aktivismus weiteren erfüllenden Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, bei denen abgeschaltet werden kann.
Die Verantwortung zur Selfcare sollte aber nicht allein vom Individuum getragen werden. Auch an den Strukturen muss sich etwas ändern. Deshalb sollte sich jede aktivistische Bewegung fragen: Wie kollektivieren wir Selbstfürsorge?
Nur wenn wir uns selbst und einander Sorge tragen, kann Aktivismus langfristig gelingen. Das war auch die Erkenntnis meiner befreundeten Personen, die nun – nach einer aktivistischen Pause – wieder zu mehr Begeisterung für ihr Engagement gefunden haben.
Quellen und weiterführende Literatur:
L. Cox «How Do We Keep Going? Activist Burnout and Sustainability in Social Movements»
R. Frei «Dem Activist Burnout trotzen. LGBTQIA+-Aktivist*innen zwischen Stressoren und Ressourcen»
P.C. Gorski «Relieving Burnout and the „Martyr Syndrome” Among Social Justice Education Activists: The Implications and Effects of Mindfulness»
S. Gräfen «Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!»
J. Goodwin & S. Pfaff «Emotion work in High-Risk social movements»
C. Maslach «Job burnout»
C. Maslach & S.E. Jackson «The measurement of experienced burnout»
A.M. Pines «Burnout in Political Activism: An Existential Perspective»
K. Rodgers «Anger is Why We’re All Here: Mobilizing and Managing Emotions in a Professional Activist Organization»

