Netzwerk Avanti: Feministisch – Behindert – Chronisch Krank

Laut, sichtbar, solidarisch: Das Netzwerk Avanti kämpft intersektional für die Rechte von FLINTA* mit Behinderungen.

Text: Namila Altorfer für das Netzwerk Avanti

Das Netzwerk Avanti ist ein Verein von und für Flinta* (Frauen, Lesben, inter, non-binären und trans Personen) mit Behinderungen und chronischen Krankheiten. Als Verein sind wir einzigartig in der Schweiz: Wir sind die einzige Organisation, welche sich mit der Intersektion von Geschlecht und Behinderung auseinandersetzt.

Gegründet am 8. März 2002 – dem internationalen feministischen Kampftag – entstand der Verein aus dem Bedürfnis heraus, die spezifischen Lebensrealitäten und Diskriminierungserfahrungen von Flinta* mit Behinderungen sichtbar zu machen und zu verändern. Nun, über zwei Jahrzehnte später, sind wir immer noch aktiv als kleiner Verein und führen die Arbeit unser Gründer*innen weiter. Wir versuchen uns breit zu vernetzen und bieten (Peer-) Beratung und Workshops an. Wir sind präsent an Podien, im Netz und bringen unsere Forderungen auf die Strasse, denn trotz jahrelanger Arbeit bleiben viele der damaligen Forderungen aktuell.

Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichberechtigt und ohne Diskriminierung ihr Leben selbstbestimmt leben können – unabhängig von, Geschlecht, Behinderung, Sexualität, Herkunft, Alter, sozialer Stellung oder anderer persönlicher Merkmale. Die Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention und der Istanbul-Konvention ist nach wie vor unvollständig. Barrierefreie Frauenhäuser, inklusive Bildung und ein diskriminierungsfreier Arbeitsmarkt bleiben aus. Auch die Anerkennung der Reproduktionsrechte von Flinta* mit Behinderungen fehlt und lange Zeit wurden uns selbstbestimmte Sexualität, Schwangerschaft und Elternschaft abgesprochen. Diese Fremdbestimmung führte damals und auch heute noch zu Zwangssterilisationen.

Wir fordern das Recht auf selbstbestimmte Sexualität und Elternschaft. Dazu gehört auch, dass die Medizin und die Forschung uns mitdenkt und aufhört, männliche, weisse, able-bodied Körper als «Norm» zu sehen. Wir fordern ein Leben frei von Gewalt und Diskriminierung. Internationale Studien zeigen, dass Flinta* Personen mit Behinderung besonders oft von Gewalt betroffen sind. In der Schweiz haben wir solche Zahlen nicht, doch nur weil es diese nicht gibt, bedeutet es nicht, dass Flinta* mit Behinderungen hier keine Gewalt erfahren.

Das Netzwerk Avanti bei der Mitgliederversammlung 2025.

Wir brauchen Datenerhebungen und Anlaufstellen welche rollstuhlgängig sind, Hilfe-Hotlines welche Gebärdensprachdolmetscher*innen zur Verfügung stellen, Webseiten in leichter Sprache und zugänglich für E-Readers. Wir fordern, dass die Mehrfachdiskriminierungen welche BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour) Flinta* mit Behinderungen erfahren, anerkannt und ernst genommen werden und wir den Ableismus und den Rassismus in der Schweiz sehen und die Verknüpfung zwischen diesen Diskriminierungsformen herstellen.

Ihr seht, die Liste der Forderungen ist lang. Uns liegt besonders am Herzen, dass Flinta* mit Behinderungen nicht vergessen gehen. Denn Behinderungen und chronische Krankheiten können uns alle jederzeit betreffen, sei dies durch das Altern, Erkranken oder Verunfallen. Wir alle profitieren von einer Gesellschaft, welche sich um alle ihre Mitglieder kümmert. Behinderung und chronische Krankheiten sind ein breites Spektrum. Von sichtbaren zu unsichtbaren Behinderungen sind alle Erfahrungen und Bedürfnisse unterschiedlich.

Wir wünschen uns, dass wir einander zuzuhören und zueinanderstehen. Denn in einer Gesellschaft, die Leistung und Normativität über alles stellt, ist Solidarität entscheidend. Wir rufen dazu auf, Banden zu binden und gemeinsam für eine inklusive und gerechte Zukunft zu kämpfen: intersektional, feministisch und inklusiv. Wir wissen, dass sich unsere Kämpfe mit denen von anderen überschneiden und deshalb wollen wir Brücken bauen und Räume schaffen für Austausch, Widerstand und Solidarität. Wir sind viele. Wir sind sichtbar. Wir sind laut.