Intergeschlechtlichkeit: ein wichtiges Puzzleteil im Einsatz für queere Gesundheit

Intergeschlechtliche Menschen durchbrechen das binäre Geschlechtersystem – und sind daher unverzichtbare Akteur*innen im queerfeministischen Kampf.

Text: Michelle Huber

Als ich vor einigen Jahren an der Zurich Pride die intergeschlechtliche Flagge schwenkte, kamen mehrere Personen auf mich zu und fragten mich nach der Bedeutung meiner gelb-violetten Fahne. Das zeigt: In der queeren Community sowie in der ganzen Gesellschaft ist noch sehr wenig über das «I» in LGBTQIA+ bekannt. Und dies, obwohl schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung intergeschlechtlich sind – also ungefähr so viele Menschen, wie in der Stadt Bern leben. Das ist schon nur darum schade, weil der violette Kreis auf gelbem Hintergrund meiner Meinung nach ein echter Hingucker ist. Die Farben wurden geschlechtsneutral gewählt. Der Kreis symbolisiert unsere Ungebrochenheit, unsere Ganzheit und unser Potenzial.

Michelle mit der Intersex-Flagge.

Wir intergeschlechtlichen Menschen sind mit Variationen von Geschlechtsmerkmalen geboren, die sich nicht – oder nur teilweise – in die binäre Norm von männlichen und weiblichen Körpern einordnen lassen. Diese Variationen können sich in unseren Genen, Hormonen und/oder äusseren sowie inneren Geschlechtsmerkmalen zeigen. 

Oft wissen intergeschlechtliche Menschen selbst nicht, dass sie intergeschlechtlich sind, weil es ihnen – aus Scham oder Angst – von klein auf von ihrem Umfeld verheimlicht wird. Die binäre Geschlechternorm wird uns oft schon als Kleinkind von der Gesellschaft und dem medizinischen System gewaltvoll aufgezwungen. Viele intergeschlechtliche Menschen haben nicht konsensuelle Eingriffe und Behandlungen erlitten, welche ihre Körper willkürlich anhand der binären Kategorien «männlich» und «weiblich» normieren sollten. 

Intergeschlechtliche Kinder werden ohne deren Zustimmung versehrt. Diese brutalen Übergriffe haben teils fatale Folgen für unsere psychische und auch physische Gesundheit. Oft ziehen diese Prozeduren, welche unseren Körpern aufgrund einer patriarchalen Norm angetan werden, lebenslange Probleme mit sich – obwohl medizinisch eigentlich gar kein Problem bestanden hätte. Diese Verletzungen der körperlichen Unversehrtheit von intergeschlechtlichen Menschen können beispielsweise dazu führen, dass wir ein Leben lang Hormone nehmen müssen, Schmerzen beim Sex haben oder mit verfrühter Arthrose zu kämpfen haben. Für viele intergeschlechtliche Menschen sind zudem die Verheimlichung und Ausgrenzung mit viel Scham und Schmerz behaftet. 

Die medizinischen und gesellschaftlichen Prozeduren, welche trans Menschen häufig verwehrt werden, werden uns aufgezwungen. Während rechtsradikale Politiker*innen und Parteien den Zugang zu gender affirming care* für trans Menschen einschränken oder sogar gänzlich verbieten wollen, sind in den gleichen Gesetzen intergeschlechtliche Menschen oft explizit ausgenommen. Sowohl trans als auch intergeschlechtliche Menschen dürfen in der geschlechterbinären und patriarchalen Logik nicht so existieren, wie sie sind. 

Intergeschlechtliche Menschen sind ein wichtiges Puzzleteil im Einsatz für queere Gesundheit. An der Gewalt, die uns angetan wird, zeigt sich deutlich, wie sich Queerfeindlichkeit und Patriarchat auf unsere Gesundheit auswirken. Weil wir unter den gleichen Systemen der Unterdrückung leiden, haben wir einen Platz innerhalb der queerfeministischen Bewegung. Wir sind der lebende Beweis dafür, dass die Geschlechterbinarität, welche einer der Grundpfeiler der patriarchalen und queerfeindlichen Gewalt ist, nicht nachhaltig ist. Die Realität ist, dass weder unsere Körper noch unsere Identität, Sexualität und Liebe an Binaritäten geknüpft sind.

Viele inter Aktivist*innen fordern schon lange ein Verbot der nicht konsensuellen, medizinisch nicht notwendigen Eingriffe. In den Schulen, in medizinischen Institutionen und innerhalb der queeren Community fehlt viel Wissen über Intergeschlechtlichkeit, was unserer Gesundheit schadet. Wir brauchen dringend mehr Aufklärung über unsere vielfältigen Lebensrealitäten. Und es ist endlich Zeit für einen Geschlechtseintrag in der Schweiz, der unsere Lebensrealität widerspiegelt! Ich wünsche mir mehr Solidarität und Zusammenhalt. Wir sind viele und gemeinsam sind wir stärker.