40 Jahre Aids-Hilfe Schweiz: von der Krisenreaktion zum Kompetenzzentrum für queere Gesundheit

Vor vier Jahrzehnten legte eine beispiellose Bewegung von Betroffenen und solidarischen Mitstreiter*innen den Grundstein für die Aids-Hilfe Schweiz (AHS). In einer Zeit, in der die Diagnose HIV und Aids mit Angst, Unsicherheit und tiefer gesellschaftlicher Stigmatisierung behaftet waren, übernahm insbesondere die queere Community Verantwortung für ihre eigene Gesundheit – mutig, solidarisch und selbstbestimmt.

Interview: Elle Bohner im Gespräch mit Andreas Lehner (Geschäftsleiter AHS) und Marlon Gattiker (Projektleiter Leben mit HIV)

Seither hat sich viel verändert: Aus einem Krisenstab ist eine landesweit vernetzte Institution geworden, die heute weit über HIV-Prävention hin- aus denkt – und wirkt. Wir haben mit Andreas Lehner und Marlon Gattiker über die bewegte Geschichte der AHS, prägende Wendepunkte und die Herausforderungen der Zukunft gesprochen.

Marlon, wie sehr war die Gründung der AHS von Selbsthilfe geprägt?

Sehr stark. Die AHS entstand aus dem Zusammenschluss zahlreicher Homosexuellenorganisationen der Schweiz – darunter auch die HAZ.
Heute, 40 Jahre später, ist aus dieser Pionierarbeit ein Kompetenzzentrum für sexuelle Gesundheit geworden, das weit über die HIV-Prävention hinausreicht.
Der Weg dorthin war lang und geprägt von zahlreichen Meilensteinen, die nicht nur die Geschichte der AHS, sondern auch die gesellschaftliche Entwicklung im Umgang mit queerer Gesundheit widerspiegeln.

Wandel durch Aufklärung

Die Geschichte der AHS ist eng verknüpft mit der Veränderung gesellschaftlicher Debatten. Was einst totgeschwiegen oder dramatisiert wurde, rückte dank mutiger Öffentlichkeitsarbeit ins Zentrum einer breiteren Gesundheitsdiskussion.

Andreas, wenn du auf die letzten 40 Jahre zurückblickst – welcher Moment war aus deiner Sicht der grösste Wendepunkt für die AHS?

Der Mut zur Veränderung. Die AHS hat es möglich gemacht, offen über Themen wie Sexualität, Drogenkonsum und queeres Leben zu sprechen – das war ein historischer Paradigmenwechsel. Bis heute kämpfen wir nicht nur gegen ein Virus, sondern auch gegen Tabus.

Andreas Lehner

Von Kondomen zu U=U

Mit dem medizinischen Fortschritt hat sich auch die Prävention verändert. Wo einst Aufklärung über Kondome im Vordergrund stand, wird heute ein vielschichtiger Ansatz verfolgt. Die AHS hat diese Entwicklung aktiv mitgestaltet – wissenschaftlich fundiert und stets menschenzentriert.

Marlon, wie wichtig war Risikoreduktion in den Anfängen – und welche Programme sind daraus entstanden?

Die wissenschaftlichen Fortschritte haben unsere Präventionsarbeit tiefgreifend verändert. Während anfangs vor allem Kondome und HIV im Fokus standen, geht es heute um ein ganzes Spektrum an Safer-Sex-Optionen – von Impfungen über Schutzverhalten bis zur Therapie.

Ein entscheidender Moment war 2008 das sogenannte Swiss Statement: Menschen mit HIV, die unter erfolgreicher Therapie stehen und deren Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, geben das Virus nicht weiter. Diese Erkenntnis – heute bekannt als U=U (Undetectable = Untransmittable) – hat nicht nur die medizinische Praxis, sondern auch das gesellschaftliche Bild von HIV grundlegend verändert.

Ein ehrgeiziges Ziel: keine HIV-Ansteckungen mehr bis 2030

Trotz aller Erfolge ist die Mission der AHS noch lange nicht abgeschlossen. Ihr Ziel ist klar: die vollständige Verhinderung neuer HIV-Ansteckungen. Doch dabei bleibt es nicht. Queere Gesundheit umfasst viel mehr – sie ist körperlich, seelisch, rechtlich und gesellschaftlich.

Mit einem konsequent holistischen Ansatz setzt die AHS neue Standards: Sie berät zu sexuell übertragbaren Infektionen, unterstützt bei Coming-outs, engagiert sich politisch für die Rechte von queeren Menschen – und bleibt verlässliche Partnerin für Menschen mit HIV, auf Augenhöhe und mit tiefem Respekt.

Von der Krise zur Chance

Die Geschichte der Aids-Hilfe Schweiz ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie aus einer Gesundheitskrise eine solidarische Bewegung entstehen kann – mit Wirkung weit über die ursprüngliche Herausforderung hinaus.

Heute steht die AHS für mehr als HIV-Prävention: Sie ist zu einer tragenden Säule der queeren Gesundheitsversorgung in der Schweiz geworden – entschlossen, empathisch und zukunftsorientiert.

Die nächsten Kapitel dieser Geschichte werden bereits geschrieben. Und sie beginnen mit einem klaren Bekenntnis:

Gesundheit ist ein Menschenrecht. Für alle. Ohne Ausnahme.