Seit 35 Jahren kämpft die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) für die Rechte und Sichtbarkeit von Lesben, Bisexuellen und queeren Frauen. Dabei haben sich nicht nur die politischen Rahmenbedingungen und Menschenrechtsdebatten verändert, sondern auch die Art, wie Aktivismus heute gelebt wird. Welche Rolle spielen persönliche Erfahrungen und der Mut, sich immer wieder gegen Widerstände zu stellen? Elle Bohner spricht mit Alessandra Widmer, der Co-Geschäftsleiterin der LOS, über ihren persönlichen Aktivismus, die Herausforderungen der Gegenwart und den Wandel des Engagements in der LGBTQIA+ Community.
Interview: Elle Bohner
Alessandra, du bist seit Anfang 2022 Co-Geschäftsleiterin der LOS aber auch privat schon lange in der Community aktivistisch tätig. Was war der Auslöser, auch beruflich Aktivismus zu betreiben?
Ich habe vorher an der Uni bei der Gleichstellung und in der Geschlechterforschung gearbeitet und auch wenn ich da auch das eine oder andere bewegen konnte: Ich wollte etwas mehr Action! Ich hatte Lust auf einen herausfordernden Job, wo ich viel mitgestalten kann, und ich wusste, dass mich das bei der LOS erwartet. Von Beruf Aktivistin zu sein, ist ein Privileg und ich versuche, achtsam damit umzugehen. Ich engagiere mich auch nach wie vor ehrenamtlich für queere und feministische Anliegen.

Aktivismus hat sich stark verändert – von Demos auf der Strasse bis hin zu Social Media. Wie hast du diesen Wandel erlebt?
Ich habe den Eindruck, Druck von der Strasse zu machen, ist in den letzten Jahren wieder wichtiger geworden. Das sieht man zum Beispiel am feministischen Streik 2019, der so viele Menschen mobilisiert hat, oder auch an der wachsenden Zahl von Prides in der Schweiz. Das finde ich wichtig.
«Druck von der Strasse zu machen, ist in den letzten Jahren wieder wichtiger geworden.»
Social Media kann viel bewirken für queere Sichtbarkeit, Vernetzung und Informationsaustausch – aber es braucht unseren Einsatz auch darüber hinaus. Auch in der parlamentarischen Arbeit, die mehrheitsfähig sein muss, stossen unsere Visionen an viele Grenzen. Ich schätze an der Arbeit bei der LOS, dass sich unser Aktivismus auf die verschiedensten Kontexte erstreckt: von Instagram über den Nationalrat bis auf die Strasse.
Wenn es Angriffe auf die Community gibt oder unsere Rechte infrage gestellt werden, betrifft es dich beruflich und persönlich. Schaffst du es auch, abzuschalten?
Mal besser, mal weniger – aber ich finde auch, das gehört dazu. Mein Job besteht auch darin, gerade in den Krisenmomenten nicht abzuschalten, sondern aufzudrehen, weil es uns «beamtete Queers» dann am dringendsten braucht. Aber ja, auch ich bin nicht 24/7 im Kampflesbenmodus.
Was gibt dir in schwierigen Momenten die Kraft, weiter für die Rechte der LGBTQIA+ Community zu kämpfen?
Das LOS-Team und vor allem auch der Austausch mit Aktivist*innen aus älteren Generationen geben mir sehr viel. Sie helfen mir sehr dabei, den Misserfolg von heute auch mal stehen zu lassen und das grosse Ganze zu sehen. Resilient zu bleiben ist wichtig: Ich hole mir Kraft aus meinem Umfeld, beim Roller Derby oder beim Blumenpflücken.
Im Oktober 2024 hat die LOS ein Crowdfunding für die Rettung des Vereins gestartet, bereits nach sehr kurzer Zeit haben zahlreiche Personen gespendet und euch unterstützt. Wie können Menschen die LOS nun auch langfristig unterstützen?
Wir können unser Glück immer noch nicht ganz fassen und sind so dankbar für die riesengrosse Unterstützung. Unsere Finanzlücke ist gedeckt und wir können unsere Arbeit weiterführen. Das Beste für die LOS auf lange Sicht ist immer noch, wenn Menschen uns mit einer Mitgliedschaft unterstützen – es gibt übrigens auch eine Kombi-Mitgliedschaft mit den HAZ – Queer Zürich.

