Was haben Popstar Chappell Roan und Aktivismus gemeinsam? Richtig, sie machen die Welt zu einem besseren Ort. Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen, können und sollten sich von der Musikerin in besonders einem Punkt inspirieren lassen, finden Julia und Elle.
Text: Julia Grell und Elle Bohner
Chappell Roan ist der neue queere Superstar in der Popwelt. Ihr Debüt-Album «The Rise and Fall of a Midwest Princess», das im September 2023 veröffentlicht wurde, begeistert seitdem die Massen. Mit einem unverwechselbaren Stil, einer Vorliebe für Dramatik und einer grossen Portion Extravaganz hat sie die Herzen ihrer Fans im Sturm erobert. Ihre Konzerte, oft mit vorab angekündigtem Dresscode, sind regelmässig ausverkauft, und bei Festivals zieht sie Tausende Menschen an, die zu ihrem Hit «HOT TO GO» tanzen.
Zwischen Ruhm und Selbstschutz: Chappell Roans Einsatz für persönliche Grenzen
Ausserhalb der Konzerte nutzt Chappell auch gerne die Sozialen Medien, um mit ihren Fans zu connecten, im August 2024 dann aber auch, um ein sensibles Thema anzusprechen: Aufdringliche Begegnungen in der Öffentlichkeit. Menschen würden sie auf der Strasse ansprechen, nach Fotos fragen, sie verfolgen und online belästigen. Roan stellte klar: «I don’t care that this crazy type of behavior comes along with the job. That doesn’t make it okay.»
Eine junge queere Frau, die im Rampenlicht steht und sich aktiv für ihre persönlichen Grenzen einsetzt. Eine Haltung, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber wie die Reaktionen online zeigen, keineswegs so wahrgenommen wird. Einige Twitter-Nutzer*innen reagierten mit Unverständnis und behaupteten, sie hätte den Beruf des Popstars nicht ergreifen sollen, wenn ihr der damit verbundene Ruhm und die Aufmerksamkeit zu viel wären. Andere verteidigten sie, betonten, dass auch Popstars ein Recht auf Privatsphäre und Sicherheit haben.
Diese Reaktionen verdeutlichen, dass viele Menschen ihre Lieblingsmusiker*innen oft als Konsumgüter betrachten und dabei jeglichen Anstand und rationales Denken verlieren. Roan hingegen zeigt durch ihr Verhalten, dass sie ihre Karriere bewusst steuert und ihre Grenzen klar zieht – sowohl auf als auch abseits der Bühne.
Selbstfürsorge im Rampenlicht
Neben den Herausforderungen durch ihren Erfolg sorgt Chappell Roan auch anderweitig für Diskussionen, indem sie Prioritäten setzt und ihre Gesundheit in den Vordergrund stellt. So sagte sie im Sommer 2023 mehrere Festivalauftritte ab. Auch hier gab es hitzige Diskussionen im Netz – eine Debatte, die sich häufig auch in aktivistischen Kreisen wiederfindet: Wann darf ich mich zurückziehen, und wie setze ich persönliche Grenzen in meinem Engagement für eine grössere Sache?
Michelle Huber, politische Campaignerin und aktiv in der GRÜNEN Partei Zürich, kann Roans Entscheidung gut nachvollziehen. «Ich finde es fantastisch, wie Chappell Roan ihre Grenzen wahrt», sagt Michelle. «Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist.» Michelle weiss, wovon sie spricht. Auch sie musste in den letzten Jahren lernen, Grenzen zu setzen, um weiterhin Freude an ihrer aktivistischen Arbeit zu haben.

«Es ist oft ein Spagat zwischen den verschiedenen Engagements», erklärt sie. «Sorgfältige Planung und gezielte Entscheidungen helfen mir, alles besser unter einen Hut zu bekommen. Dazu gehört, klar Nein zu sagen, wenn es zu viel wird, und auch sich selbst gegenüber ehrlich zu sein.» Doch auch für Michelle bleibt der Balanceakt herausfordernd: «Ich würde gerne mehr Sport machen und öfter kulturelle Veranstaltungen besuchen und manchmal müsste ich einfach mehr schlafen.»
Zwischen Menschenrecht und Burnout
Das Spannungsfeld zwischen Pflichtgefühl und der Notwendigkeit, Pausen einzulegen, kennt auch Elle Bohner, Geschäftsführende Person bei den HAZ – Queer Zürich, sehr gut. «Wenn du dich für Themen einsetzt, die dir wirklich am Herzen liegen, entsteht ein starkes Pflichtgefühl. Das motiviert ungemein, aber es wirft auch die Frage auf: Wann hört die Arbeit eigentlich auf?», erklärt Elle.

Ein typisches Dilemma, das viele Aktivist*innen kennen: «Wie kann ich mir jetzt eine Pause gönnen, wenn so viel Ungerechtigkeit existiert? Wenn diese Woche noch eine spontane Demo geplant werden muss oder eine neue Kampagne startet?» Dieses ständige Gefühl, auf alles reagieren zu müssen, kann belastend sein. «Burnouts sind in der Community oft ein Thema, und Arbeitsüberlastung wird manchmal sogar idealisiert», erzählt Elle. Michelle verweist auch auf das kapitalistische System, welches hinter der aktivistischen Selbstausbeutung steckt. Leute, die sich mehr verausgaben, werden oft auch «belohnt» und gehypt als «bessere Aktivist*innen».
«Selbstfürsorge ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.»
Trotz der Herausforderungen bringt der Aktivismus aber auch viel Freude und Erfüllung. Sich für die eigene Community einzusetzen und Veränderungen anzustossen, gibt vielen Menschen eine tiefe Befriedigung und schafft eine starke Verbundenheit. In diesem Zusammenhang ist Chappell Roan ein Vorbild für viele. Ihre offene Art, über ihre Grenzen zu sprechen, zeigt, dass es wichtig ist, sich selbst Raum zu geben. «Selbstfürsorge ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke», erklärt Elle. «Nachhaltiger Aktivismus ist ohne das Setzen von Grenzen nicht möglich. Roan hat gezeigt, dass es in Ordnung ist, sich selbst und seine Gesundheit an erste Stelle zu setzen, um langfristig für die Community da zu sein.»

