Lubunca ist der Slang der queeren Community in der Türkei. Vor über 100 Jahren als Geheimsprache von trans Sexarbeiter*innen erfunden, ist Lubunca noch heute von grosser Bedeutung für LGBTQIA+ Personen.
Text: Gioia Niessner
«WLW», sapphic, Butch oder Femme*: Wenn meine queeren Freund*innen und ich uns unterhalten, nutzen wir viele Ausdrücke, die meine hetero Freund*innen nicht verstehen.
Dass solche Begriffe in der queeren Community existieren, ist kein neues Phänomen. Schon früher erfanden LGBTQIA+ Menschen neue Ausdrücke und sogar ganze Sprachen, Jargons, Slangs oder «Argots» (französisch für Gauner*innensprache).
Diese Argots waren wichtig in Zeiten, in denen Queersein verboten war. Queere Menschen konnten so miteinander kommunizieren, ohne erkannt zu werden. Das in der westlichen Welt wohl bekannteste Argot ist Polari, das in den 1930er bis 1970er-Jahren in Grossbritannien gesprochen wurde.
Lubunca dient der Sicherheit der türkischen Community
Auch Lubunca (Lu-bun-dscha) ist eine geheime queere Sprache. Das Argot der türkischen Community ist noch heute weitverbreitet.
«Du fühlst dich besonders, wenn du Lubunca nutzt», erzählt mir Lotus. «Und du fühlst dich sicherer.» Lotus ist eine queere aktivistische Person, die aus der Türkei in die Schweiz geflüchtet ist. Lotus heisst eigentlich anders, doch Lotus möchte anonym bleiben. In der Türkei ist es gefährlich, offen queer zu leben. Obwohl Queersein nicht verboten ist, erleben LGBTQIA+ Menschen Repression und Diskriminierung. Die Regierung verbietet Prides seit 2015 – ohne nachvollziehbaren Grund. Menschen wurden verhaftet, weil sie dennoch auf die Strassen gingen. Die regierungsnahe Anti-LGBTQIA+-Organisation «Big Family Platform» organisiert wiederum Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmer*innen und schaltet queerfeindliche Werbung im Staatsfernsehen.
«Wegen dieser gefährlichen Lage ist es für uns wichtig, dass wir einen Slang sprechen können, den andere nicht verstehen», erklärt Lotus. Denn: «Sich verstecken müssen ist für queere Menschen in der Türkei Realität.» Lubunca zu sprechen ist also überlebenswichtig. War es schon immer.
Trans Sexarbeiter*innen erfanden Lubunca
Lubunca soll Anfang des 20. Jahrhunderts in Istanbul entstanden sein. Trans und cis Sexarbeiter*innen, die illegal tätig waren, nutzten das Argot untereinander. Dank Lubunca konnten sie sich bei ihrer Arbeit tarnen. Ein Grossteil der Sexarbeiter*innen waren Rom*nja oder Angehörige anderer ethnischen Minderheiten. «Lubni» heisst auf Romani Sexarbeiter*in.
Nach dem Militärputsch 1980 waren die «Lubunya» (queere Menschen auf Lubunca) harter Repression ausgesetzt. Besonders betroffen waren trans Sexarbeiter*innen. Sie wurden in Polizeigewahrsam genommen, gefoltert und an den Stadtrand verbannt. Zudem wurden transfeindliche Gesetze erlassen. Ein offenes queeres Leben war nicht mehr möglich. In diesen Zeiten bedurfte es einer Geheimsprache, um vor Gefahren zu warnen. Lubunca diente erneut der Tarnung und dem Schutz – vor Freiern, der Polizei, dem Militär und queerfeindlichen Menschen.
«Wenn Menschen Lubunca nutzen, entsteht eine sehr queere Energie»
Lubunca ist eine Mischung aus diversen Sprachen – etwa Armenisch und Bulgarisch, vor allem aber Türkisch und Romani. Gewisse Begriffe werden direkt aus dem Türkischen übernommen – nur bedeuten sie auf Lubunca etwas anderes.
Das zeigt sich etwa beim Lieblingswort von Lotus: «Koli». Auf Lubunca bedeutet es Sex- oder Beziehungspartner*in. Frei übersetzt meint «Koli» aber Paket oder Umzugskarton. «Hast du einen Umzugskarton?», fragen Menschen, wenn sie sich nach Beziehungspersonen erkundigen.
In Lubunca steckt viel Witz drin – trotz der Ernsthaftigkeit. Auch Lotus findet, die Menschen seien lustiger, wenn sie den Slang sprechen. Und: «Wenn Menschen Lubunca nutzen, entsteht eine sehr queere Energie.» Für Lotus ist es ein Ausdruck von Identität und Zugehörigkeit. «Ich bin glücklich, wenn ich Lubunca höre», sagt Lotus und strahlt.
Wie lange wird es Lubunca noch geben? Polari, die britische Geheimsprache, ist mittlerweile weitgehend ausgestorben. Passiert das auch mit Lubunca?
Lotus sieht die Zukunft zwiespältig: «Ich möchte nicht, dass Queers irgendwo auf der Welt leiden müssen. Als eine aktivistische Person werde ich mich immer dafür einsetzen, ihnen zu helfen. Wenn Lubunca weiter existiert, heisst es aber, dass queere Menschen immer noch leiden und in Gefahr sind.» Doch: «Ich wünsche mir, dass Lubunca ohne gefährliche Situationen und Leid bestehen kann» – nicht als Sprache zur Tarnung, zum Schutz, sondern als reiner Slang. Und genauso belanglos wird wie «WLW», Sapphic, Butch und Femme.
* WLW = Women Loving Women (frauenliebende Frauen), sapphic = sich zu Frauen/FLINTAS angezogen fühlen, Butch/Femme = maskuline und feminine Geschlechtsidentitäten oder -ausdrücke unter WLWs.
Lubunca-Lexikon
- lubunya = queer, queere Person
- koli = Partner*in, «Gschpusi», Sex (türkisch: Paket, Umzugskarton)
- gacı = (trans) Frau
- ibne = schwule/queere Person (wenn von nicht-queeren Menschen benutzt, ist es abwertend, wenn es von queeren Menschen genutzt wird, nicht.)
- abla = ältere Frau, benutzt wie «Sister»
- çerçeve = Gesicht (türkisch: Rahmen)
- madi = frech, «sassy»
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Weitere Queer-Argots
- Polari: Grossbritannien
- Bahasa Binan/ Bahasa Gay / Bahasa Banci / Bahasa Bencong: Indonesien
- Pajubá, Bajubá: Brasilien
- gayle, isiNgqumo: Südafrika

