Respektvolle Sprache: ein unverzicht­barer Schritt zur Inklusion

Inklusive Sprache ist weit mehr als ein Trend; sie ist ein essenzieller Baustein für eine gerechte Gesellschaft. Sie prägt unser Denken, unsere Wahrnehmung und unser Handeln. Ein Plädoyer für ihre Notwendigkeit, um die Vielfalt unserer Gesellschaft zu respektieren.

Text: Lovis Noah Cassaris

Sprache prägt unser Denken und Handeln

Sprache ist das Medium, durch das wir die Welt wahrnehmen und gestalten. Sie ist nicht nur ein Kommunikationswerkzeug, sondern spiegelt auch unsere Gedanken und gesellschaftlichen Werte wider. Was wir sagen, beeinflusst unser Denken, und unser Denken prägt wiederum unsere Worte. Diese enge und oft komplexe Wechselwirkung macht Sprache zu einem mächtigen Instrument, das sowohl positiv als auch negativ genutzt werden kann. Die Sapir-Whorf-Hypothese, eine zentrale Theorie in der Linguistik, verdeutlicht diese Verbindung zwischen Sprache und Denken. Doch lasst uns konkret werden.

Der Fall Imane Khelif: Sprache als Instrument der Ausgrenzung

Imane Khelif, eine algerische Boxerin und Goldmedaillengewinnerin der Olympischen Spiele 2024 in Paris, steht derzeit im Fokus einer hitzigen Debatte über ihr «wahres» Geschlecht. Auslöser sind unter anderem angeblich erhöhte Testosteronwerte. In sozialen Medien wird diskutiert, ob Imane «wirklich» eine Frau ist, ob sie intergeschlechtlich oder sogar trans ist. Hierbei werden Geschlechtsidentität, körperliche Merkmale und Geschlechtsausdruck mitein­ander vermischt, was zu Missverständnissen und Diskriminierung führt. Je nachdem, wie Imane gelesen wird, kommen unterschiedliche Pronomen wie «er» oder sogar «es» zum Einsatz – eine Form der Herabwürdigung.

Die mediale Berichterstattung trägt durch Begriffe wie «biologisches Geschlecht» oder «natürliche Testo­steronwerte» zur Verfestigung der binären Geschlechterordnung bei und ignoriert die Realität vieler Menschen, insbesondere im trans und nonbinary Spektrum. Diese Sprache beeinflusst, wie Geschlecht wahrgenommen wird, indem sie eine einfache, binäre und biologische Perspektive propagiert. Kein Wunder, dass diejenigen, die sich im Netz über Imane äussern, selbst nicht mehr wissen, woran sie Geschlecht festmachen sollen. Ist Imane eine Frau, weil es in ihrer Geburtsurkunde steht? Oder ein Mann, weil sie vermeintlich XY-Chromosomen hat? Doch was, wenn sie trotzdem gebärfähig ist?
In diesem Fall führt die verwendete Sprache zu einer Verengung der Per­spektive. Aussagen wie «Imane hat hohe Testosteronwerte, also muss sie ein Mann sein» spiegeln nicht nur Missverständnisse über die biologischen Realitäten von Geschlecht wider, sondern auch eine sprachlich bedingte Verzerrung. Die Sprache formt hier direkt das Denken der Menschen und reduziert die vielfältigen Aspekte von Geschlecht auf vereinfachte und oft fehlerhafte Annahmen, mit Konse­quenzen sowohl für cis als auch für trans Personen.

Sprache als Mittel der Diskriminierung

Die gezielte Verwendung von fal­schen Pronomen zur Herabwürdigung eines Individuums ist nicht nur eine Form von «Misgendering», sondern spiegelt auch tief verwurzelte Geschlechternormen und -stereotype wider, die durch Sprache aufrechterhalten werden. Frauen dürfen weder maskulin, erfolgreich noch stark sein – sonst sind sie in den Augen vieler keine «echten» Frauen. Durch diese Wortwahl wird eine soziale Realität geschaffen, in der bestimmte Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Geschlechtsausdrucks marginalisiert werden. Diese tief verankerte Transfeindlichkeit macht auch vor cis Personen nicht Halt.

Die Sapir-Whorf-Hypothese verdeutlicht, dass diskriminierende Sprache nicht nur Ausdruck von Vorurteilen ist, sondern diese auch verstärkt. Wenn Imane auf diese Weise bezeichnet wird, beeinflusst dies die Wahrnehmung der Zuhörenden und Lesenden, sodass sie Imane als «anders» oder «nicht zugehörig» wahrnehmen. Diese Wahrnehmung bildet die Grundlage für weitere Diskriminierung.

Sprache und die Schaffung sozialer Realität

Begriffe wie «biologisches Geschlecht» oder «natürliche Testosteronwerte» schaffen eine soziale Realität, in der diese Ausdrücke als «wahr» oder «natürlich» gelten. Dies verschleiert, dass auch diese Konzepte kulturell konstruiert sind und Geschlecht sowie Sexualität in verschiedenen Kulturen und Zeiten unterschiedlich verstanden wurden und werden. Durch die wiederholte Verwendung solcher Begriffe in der Berichterstattung über Imane Khelif wird die Vorstellung einer «natürlichen» Geschlechterordnung, die auf biologischen Fakten beruht, weiter zementiert. Dies kann dazu führen, dass die Realität von Menschen, die nicht in dieses Schema passen – wie etwa trans oder intergeschlechtliche Personen – systematisch ausgeblendet oder marginalisiert wird.

Die Macht der Sprache im öffentlichen Diskurs

Der Fall Imane Khelif zeigt deutlich, wie Sprache den öffentlichen Diskurs steuert und welche Macht sie dabei hat. Die Art und Weise, wie über Imane gesprochen wird, beeinflusst nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die politische und gesellschaftliche Reaktion auf solche Themen. Die Sprache, die verwendet wird, um über Geschlecht und Identität zu sprechen, kann entweder zur Inklusion oder zur Exklusion beitragen.

Nehmen wir die Sapir-Whorf-Hypo­these ernst, erkennen wir, dass eine Veränderung der Sprache auch eine Veränderung des Denkens und der gesellschaftlichen Normen bewirken könnte. Wenn Medien bewusst inklusive und präzise Begriffe verwenden würden, könnte dies zu grösserer Akzeptanz und besserem Verständnis für die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten führen.

Die Dringlichkeit inklusiver Sprache

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend polarisiert sind, wird die Bedeutung inklusiver Sprache immer dringlicher. Menschen im trans und nonbinary Spektrum kämpfen täglich um Anerkennung und Respekt.

Die Weigerung, inklusive Sprache zu verwenden, ist nicht neutral; sie ist ein Statement. Sie signalisiert, dass bestimmte Identitäten weniger wert sind oder nicht existieren. Dies führt zu Ausschluss und kann sogar Gewalt gegen marginalisierte Gruppen legitimieren – im schlimmsten Fall endet es tödlich für die Betroffenen. Umgekehrt kann die bewusste Verwendung inklusiver Sprache einen positiven gesellschaftlichen Wandel anstossen – das zeigen auch aktuelle Studien.

Der Weg zu einer inklusiven Sprache mag zunächst ungewohnt erscheinen, doch er ist notwendig. Es geht nicht nur um korrekte Formulierungen, sondern um die Anerkennung der Menschlichkeit aller.

Lovis Cassaris (keine Pronomen/er/lov) ist Expert*in für Gender und Queer Linguistik. Auf gendern.ch findet ihr einen Leit­faden mit Empfehl­ungen für inklusive Sprache basierend auf Lovis’ Dissertation an der Universität Zürich (2023).