Das Nachtleben ist ein fester Bestandteil der queeren Kultur und für viele ein sicherer Raum, um die eigene Identität zu zelebrieren. Clubräume versuchen immer inklusiver zu werden, um neue Personen anzulocken. Die DJ-Szene bleibt oft von dieser Diversifizierung ausgeschlossen. Elle Bohner im Gespräch über Musik mit Ecostyler, einem queerfeministischen DJ-Kollektiv, bestehend aus NDL0VU und HomeboiXtra.
Interview: Elle Bohner
Wie kam es zur Gründung von Ecostyler?
Wir haben zu der Zeit zusammengewohnt, studiert und dadurch viel zusammengearbeitet. Uns ging es vor allem darum, dass damals die Musik, die wir mögen, nicht in den Clubs gespielt wurde. Dass die Musikindustrie allgemein sehr weiss- und cis-männerdominiert ist, führt auch dazu, dass Genre als fix betrachtet wird. Das ändert sich nur langsam. Wir denken, dass das vor allem Gatekeeping ist, und deswegen spielen wir alles, was für uns zusammenpasst und was uns gefällt. Ausserdem kommt unsere Musik auch mit einem Anspruch an einen Raum. Wir wollen nicht Teil von Räumen sein, in denen Gewalt und Hass in irgendeiner Form toleriert werden.
Inwiefern spielt Inklusion in eurer Arbeit eine Rolle, insbesondere in Bezug auf die männlich dominierte DJ-Szene?
Im Studium haben wir uns 2018 mit safe*r spaces in Partysettings befasst und finden es schön, dass Awareness-Strukturen sich langsam normalisieren. Leider ist es aber vor allem in weissen, kommerziellen Räumen so, dass Leute die Arbeit nicht machen wollen, die eigentlich dahintersteckt, einen sichereren Partyspace zu schaffen.

Mit Projekten wie der B2B2B2B2B2B-Party in Basel konnten wir diese Ansprüche an den Raum selbst umsetzen und mit unseren Freund*innen so Party machen, wie wir es gut finden.
Welche Herausforderungen habt ihr beim Streben nach Diversität und Inklusion in der DJ-Szene erlebt?
Einerseits gibt es diesen Anspruch, dass DJs, die femme-presenting sind, beim Auflegen gleichzeitig hot sein müssen. Das ist sowieso in jedem Bereich so, aber im Club musst du als Femme eigentlich auch noch Animatorin und Thirst Trap sein, damit deine Musik gut ankommt. Ausserdem kommt es vor, dass Techniker*innen oder andere Menschen uns während dem Auflegen Dinge erklären wollen, oder uns nicht zugehört wird, wenn wir von Technikpersonen etwas brauchen, weil sie denken, wir wissen nicht, wovon wir reden. Wir denken, dass eigentlich alle Schwarzen, queeren Artists es kennen, wie sehr man sich teilweise durchsetzen muss, damit man als Professional ernst genommen wird. Für uns ist klar, dass die Clubszene sich immer wieder an Black Queer Culture bedient, so wie es eigentlich alle Kunst- und Kulturbereiche machen. Gleichzeitig werden aber die Leute, denen die Kultur eigentlich gehört, immer wieder aus diesen Räumen ausgeschlossen. Oftmals wird auch einfach Tokenismus* betrieben, um nach aussen diverser zu wirken.
«Im Club musst du als Femme eigentlich auch noch Animatorin und Thirst Trap sein, damit deine Musik gut ankommt.»
Auch gehen Bookings für grosse Veranstaltungen wie die Street Parade, Festivals oder Club-Residencies nach wie vor oft an weisse Männer, obwohl mittlerweile allen klar sein sollte, dass zum Beispiel auch Techno Schwarze Musik ist. Am Gurten Festival verändert sich das seit ein paar Jahren ein bisschen, aber unseres Wissens nur darum, weil die Berner QTBIPOC-Szene Einfluss aufs Booking hat. Oftmals müssen wir auch für angemessene Gagen kämpfen, und es wird erwartet, dass wir gratis arbeiten.
Welche Rolle spielt Musik eurer Meinung nach dabei, politische Botschaften zu vermitteln?
Wir hatten musikalisch verschiedene Ären, und das wird sich auch weiterhin verändern. Anfangs wollten wir mit unserer Musik Emotionen ausdrücken, die wir gegenüber Systemen und Institutionen haben. Später haben wir uns mehr auf die Musik an sich fokussiert. Es geht uns auch darum, Räume zu reclaimen, sie mehr Black und mehr queer zu machen. Beispielsweise in der Auswahl der Tracks und in der Botschaft. Heute spielen wir, was wir wollen, und sind dabei darauf fokussiert, BIPOC-Femme- und Queer-Producers zu spielen.
«Heute spielen wir, was wir wollen.»
Uns ist es wichtig, dass wir von uns selbst ausgehen und uns nicht zu sehr einschränken lassen von politischen Ansprüchen der weissen, linken politischen Szene, die meist einen rein akademischen Hintergrund hat. Auch wenn wir studiert haben, gehören wir dieser Klasse nicht an und sind ganz anders aufgewachsen. Wir möchten auch ein Stück Nostalgie an unsere Herkünfte feiern und uns nicht von diesen Einflüssen einschüchtern lassen. Auch Queerness ist in der Schweiz sehr weiss dominiert, und wir möchten unsere schwarze Queerness selbst definieren und zelebrieren. Gleichzeitig sind wir an den Decks immer offen dafür, wenn uns Betroffene sagen, wenn sie etwas nicht easy finden.
Wie würdet ihr den Sound von Ecostyler beschreiben?
«afro and caribbean infused electronica meet a fusion of brazilian baile bass and techno subgenres – bass, percussion and synth heavy – creating a unique blend of afro-diasporic experiences: Afro and Caribbean infused Electronica treffen auf eine Fusion von brasilianischem Baile Bass und Techno-Subgenres. Die Schwere von Bass, Percussion und Synth kreieren eine einzigartige Mischung aus afro-diasporischen Erfahrungen.»
* beschreibt, wenn Menschen aufgrund von ihnen zugeschriebenen Kategorien (z. B. Frau oder Schwarz) als Repräsentant*innen oder Vertreter*innen einer marginalisierten Gruppe angesehen werden und vor allem eine Alibifunktion erfüllen. So wird oft Diskriminierung verdeckt. (vielfalt-mediathek.de)

