Lesley (sie/ihr) ist queere Lehrperson, Wortkünstlerin, in Büchern zu Hause. Sie ist auch autistisch und chronisch krank. Wir dürfen ihre persönliche Sicht auf ihr (Nicht) Stolz-Sein, Queer-Sein und Neurodivergent-Sein mit euch teilen.
Text: Lesley Löw
Stolz zu sein, ist etwas Komisches. Oder zumindest etwas nicht fertig Erklärbares. Ich bin stolz darauf, dass ich noch lebe. Ich bin stolz darauf, dass ich arbeite, Lieblingsmenschen habe, mir ein Leben aufgebaut habe, nachdem es mir so oft erschien, als würde nichts daraus werden. Aber was ich nicht bin, ist, stolz darauf, queer zu sein. Es ist ein Teil von mir, seit ich ein Kind bin und es wäre dasselbe, zu sagen, ich bin stolz darauf, eine Frau zu sein. Oder autistisch zu sein. Ich bin das alles gerne – ich bin gerne autistisch, ich bin gerne eine Frau und ich bin unglaublich gerne queer. Und ich bin stolz darauf, meine Queerness nicht verdrängt zu haben, obwohl viele Stolpersteine, oder eher Felsbrocken, zwischen mir und meinem queeren Inneren standen. (Ihr kennt sie. Gesellschaft. Politik. Menschen.)
Aber Stolz-Sein und Queer-Sein hängt trotz allem zusammen. Ganz persönlich für mich, ohne die Geschichte, die uns alle als queere Menschen geprägt hat. Denn meine Rechte in der Gegenwart haben andere Menschen erkämpft, so wie ich für eine andere Zukunft kämpfe. Darauf bin ich nicht stolz, sondern bin dafür zutiefst dankbar.
Es gibt ja auch nicht die eine Queerness, und genauso wenig gibt es den einen Autismus. Queerness ist ein Spektrum, und Autismus vielleicht eine spektrale Scheibe? Mit verschiedenen Ausprägungen und verschiedenem Leidensdruck und verschiedenen Glücksgefühlen. Ein Aspekt meines Autismus ist, dass ich Sachen teile, ohne darüber nachzudenken. So zum Beispiel auch meine Queerness. Als Kind bedeutete das, dass ich Fragen stellte und Sachen erzählte, die andere sich vielleicht nur heimlich überlegten, und wenn jemensch etwas darauf antwortete, nahm ich das als neue Regel der Gesellschaft in mein mentales Regelbuch auf. Diese sozialen, oft unausgesprochenen Regeln waren mir furchtbar fremd und ich musste sie aktiv erlernen. Mein vermeintliches Wissen bereits geformt, meinte ich als Jugendliche zu wissen, dass Lesbisch-Sein etwas Komisches ist. Aber ich verliebte mich trotzdem in meine Freundinnen und verstand dann die Welt nicht mehr, dass es nach dem «Küssen üben und Feedback geben» nur darum ging, Jungs zu küssen. So wurde es zu einer weiteren sozialen Regel, dass Mädchen nur Jungs küssen, und nicht Mädchen. Dann, als junge Frau, liess ich eine toxische heterosexuelle Beziehung hinter mir, durchlebte und beendete eine wunderschöne heterosexuelle Beziehung und musste mich mit mir selbst auseinandersetzen. Und mich mir selbst outen. Ich bin lesbisch. Dieser Satz tut immer noch so gut. Ob ich nun lesbisch bin, oder auch ein bisschen bi oder pan, ich identifiziere mich als queer und hauptsächlich lesbisch und bin wirklich stolz darauf, dass meine Queerness da ist, frei ist, und Platz in mir hat.

Queere Events sind häufig schwierig. Ich konnte noch nie an die Zürcher Pride – zu viele Reize, zu viele Menschen, zu viele soziale unausgesprochene Erwartungen und zu viele Situationen, die mir unbekannt sind und ich nicht planen kann. Und dann kam letztes Jahr die kleine Basler Pride. Gewappnet mit Loops und meiner Wasserflasche traf ich meine Lieblingsmenschen am Messeplatz, und wir spazierten durch Basel, wo ich fast jede Ecke kenne, und ich konnte mich mit meinen Liebsten umgeben, ohne Angst, sie in der Menge zu verlieren. Mein Herz hat gesungen und gefeiert und ich war so dankbar, (und stolz?) endlich bei einer Pride mitlaufen zu können.
Auch Partys oder Shows, ob queer oder nicht, sind häufig ableistisch. Aber das erste Mal, als ich mich wieder an einen Event traute, fand er in einer Venue statt, die einen Ruheraum anbot für alle, die ihn brauchten: Alok Vaid Menon trat auf. Dazu kam, dass der Saal nur Sitzplätze hatte, was bedeutete, dass ich mir meinen Platz nicht erkämpfen musste, sondern dass er einfach da war. Mein Stuhl übernahm wortlos meine sonst sehr anstrengende Arbeit. Und so waren auch meine Schwestern neben mir, ohne dass ich ständig kontrollieren musste, ob sie noch da waren. Denn meine Freund*innen und meine Familie geben mir Halt. Und ich bin so stolz darauf, dass ich sie in mein Leben liess, mit offenem Herzen und Vertrauen, trotz allen verdammten Regeln, die ich mal gemeint habe, gelernt zu haben.
