Keine Pride und CSD ohne Behinderten-Sichtbarkeit!

Schöne queere Emotionen, schwer passierbare Demorouten. Warum ich, Lila, als queere Künstler*in mit einer Behinderung an Pride und CSD fahre und warum diese unbedingt barrierefrei sein müssen.

Text: Lila Plakolli und Gioia Niessner

In einem Sommer war es so weit. Ich fuhr zum ersten Mal mit meinen Freund*innen aus der Stiftung an die Zurich Pride. Mirco hatte den Wagen mit uns bereit gemacht und wir dekorierten ihn zusammen mit unseren Betreuenden. Wir stellten einen Flamingo drauf. Ich war mega nervös, denn ich durfte eine Rede halten. Es war der schönste Tag in meinem Leben, und ich war mir noch nicht einmal bewusst, ob ich selbst queer war. Am Abend habe ich meinen Text vor­getragen und es war ein riesiger Erfolg. Es ging um Sexualität und Behinderung und wie behinderten Menschen sehr oft die Sexualität abgesprochen wird. Für mich war es schon schwierig genug, meine Heterosexualität auszuleben, deshalb war es für mich nicht klar, ob ich queer bin. Das war der Beginn meiner Coming-Out-Story. Seitdem gehe ich immer an die Pride. Jetzt bin ich Queer as Fuck! 

An der nächsten Pride: Ich spüre den Make-up-Pinsel auf meiner Haut, der Eyeliner wird gesetzt, der Lidschatten aufgetragen und das Rouge rundet alles ab. Meine beste Freund*in legt mir die Louis-Quatorze-Perücke auf einer Decke über die Schultern und wir gehen zum Tram Richtung Ni-Una-Menos-Platz. Ich performe im Louis-Quatorze-Kostüm an meiner Lipsync-Show. Die Menschen, die mir zujubeln, geben mir so viel Selbstbewusstsein, dass ich, als queere Künstler*in mit einer Behinderung, «Queer-Crip and Proud» zu meinem Lebensmotto mache.

Lila mit Louis-Quatorze-Perücke an der Zurich Pride.

In den darauffolgenden Jahren hatte ich noch viele schöne Pride-Momente. Doch die Barrierefreiheit lässt oft zu wünschen übrig. Bei der Politik-Bühne etwa funktionierte der Lift nicht richtig, die Demoroute ist an einigen Stellen oft schwer passierbar und der Zeughaushof ist überhaupt nicht rollstuhlgängig. 

Die Pride war seit jeher vor allem ein Aufstand gegen die Diskriminierung queere*r Menschen, angeführt von Schwarzen trans Frauen und Dragqueens. Es war von Anfang an eine intersektionale Demo. Dass die Pride zu einer riesigen Kommerzveranstaltung geworden ist, führte dazu, dass einige Queers den antikapitalistischen CSD Zürich gründeten. 

Am antikapitalistischen CSD in Zürich hielt ich eine Rede und warf mich in Schale für einen Drag-Auftritt an der Aftershowparty. Für die Rede hatten die Organisator*innen eine Bühne vorbereitet. Nur hatten sie keine Rampe. Ich sprach trotzdem zu den Menschen, einfach neben, statt auf der Bühne. 

Die Zurich Pride ist mir zu riesig, kommerziell und es geht nicht mehr um den Grundgedanken. Deshalb war es für mich eine schwere Entscheidung, ob ich weiterhin an die Pride fahren sollte. 

Aber der Kommerz bringt auch finanzielle Mittel, die für die Barrierefreiheit gebraucht werden. Ohne Geld ist es schwierig, Awareness und Accessibility zu gewährleisten. Und ich verbinde die Pride auch mit meinen ersten schönen queeren Emotionen, und das möchte ich um nichts in der Welt verlieren! 

Der CSD ist ein kleines Familienfest, wo wir unsere Liebsten treffen und zusammen Queer Joy verbreiten. Und zurückdenken an die Stonewall-Aufstände und die Demonstrierenden, die für unsere Sache kämpften. Am CSD nehmen zwar weniger Menschen teil, aber der Vibe ist liebevoller. 

Ich habe mich entschieden. Ich fahre immer noch sehr gerne an die Pride und den CSD, da ich als behinderte und queere Person für Sichtbarkeit sorge. Würden ich und andere Behinderte nicht mehr hinfahren, wäre es ein riesiger Verlust für mich, die queere Community und für die ganze Gesellschaft.