Rahel El-Maawi (Pronomen ra) ist Aktivistin und im Bereich Bildung, Kultur und Soziales tätig. Als Expertin für Antirassismus, Diversitäts- und Diskriminierungssensibilität gibt ra Workshops, Beratungen und Weiterbildungen und engagiert sich gesellschaftskritisch. Ra hat das queerfeministische Netzwerk Bla*sh mitgegründet, das sich für Schwarze Frauen und non-binäre Menschen einsetzt. Rahel erklärt uns, wie Intersektionalität funktioniert, und denkt darüber nach, was wir als Community noch besser machen könnten.
Interview: Joelle Löw
Wie würdest du Intersektionalität in Bezug auf unsere Community erklären?
Intersektionalität ist die Überkreuzung verschiedener Zugehörigkeiten, in denen sich wiederum etwas Neues aufzeigt. Wir sind geschlechtlich positioniert, rassifiziert, wir werden als mit oder ohne Behinderung angesehen, sind bezüglich Klasse anders aufgestellt, oder bezüglich der romantischen/sexuellen Orientierung. In der LGBTQIA+ Community könnte zum Beispiel relevant sein, ob muslimische queere Personen in queeren Spaces mitgedacht sind. Wird ein queerer Ramadan gefeiert? Wünschen wir einander konstant schöne Ostern und frohe Weihnachten und wissen nicht einmal, dass es Bayram, Pesach oder Diwali gibt? Oder wissen wir das, haben aber das Gefühl, es habe nichts mit unserer Community zu tun? Wissen wir, was es bedeutet, als muslimische Person ein Coming-out zu haben? Dort zeigen sich die Intersektionen. Oder bei Treffen von Regenbogenfamilien. Wen denken wir als Familie? Berücksichtigen wir trans Familien? Ist auch eine geflüchtete Person, die homoerotisch liebt, aber nicht als solche hat leben können und darum mit Kind geflüchtet ist, als Regenbogenfamilie mitgedacht? Es werden alle sagen, dass diese Person dazu gehört. Die Frage ist, adressieren wir sie auch? Eine Herausforderung unserer Community ist, dass wir sagen, wir heissen alle willkommen, im Moment aber intersektionale Perspektiven nicht aktiv genug adressieren. Da müssen wir unseren Blickwinkel noch erweitern.
Wie können wir intersektionale Perspektiven aktiver integrieren?
Dafür braucht es diversitäts- und diskriminierungssensible Arbeit. Das ist eine Auseinandersetzung, zu der man Ja sagen muss. Es ist eine Haltung. Anzuerkennen, dass ich nicht alle Lebensrealitäten kenne. Auch mir geht es so. Ich lerne aus Gesprächen und nutze verschiedene Kanäle, um mein Wissen selbständig zu erweitern.
«Es braucht eigene Räume, um die eigene Stimme zu stärken.»
Was ich an den HAZ – Queer Zürich toll finde, ist, dass hier so viele Gruppen Platz haben. Ein Weg ist, Safer Spaces zu kreieren und Austausch zwischen Menschen mit ähnlicher Geschichte zu ermöglichen. Es ist aber wichtig, dass diese Einladung passiert, dass man sich angesprochen und zugehörig fühlt. Das braucht viel Arbeit, darum bin ich froh sind am Regenbogenhaus Leute angestellt, die dieses Community Building machen können. Da geht es nicht immer darum, uns als die grosse Community zu bilden, sondern dass die kleinen Communitys wirklich ihre Räume bekommen. Es braucht eigene Räume, um die eigene Stimme zu stärken. Zu sagen ihr seid mitgemeint, wir haben erkannt es gibt euch, das reicht nicht als Einladung. Auch ich kann keine 100-prozentige Antwort geben, wie diese Einladungen ausgesprochen werden müssen. Da braucht es viele Schritte, wir müssen Strukturen aufbauen, die pluraler sind – auch wenn sich Struktur und Pluralität manchmal widersprechen.
Was genau meinst du damit?
Eine Freundin von mir sagt immer wieder: Institutionen sind entstanden, um etwas zu bewahren. Auch die queere Community sucht irgendwie nach dieser Struktur. Wir haben einen gewissen Platz in der Gesellschaft und das möchten wir bewahren. Aber diesen Platz haben nicht alle bekommen. Es gibt nichts zu bewahren. Wir müssen öffnen. Ein Problem ist, dass die Rechte für die LGBTQIA+ Community immer eins nach dem anderen vergeben werden. Es gibt Menschen in der Community, die jetzt schon mit vielen Privilegien ausgestattet sind, ich zähle mich hier dazu. Ich bin eine lesbische endo cis Frau mit Schweizer Pass, rassifiziert, aber auch white passing.
«So lange nicht alle befreit sind, ist niemand befreit.»
Da müssen wir eine Demut hinbekommen im Sinne von: Ich muss mir meiner Privilegien bewusst sein und anerkennen, wie Machtasymmetrien funktionieren. Es gibt dieses schöne Zitat von Audre Lorde: So lange nicht alle befreit sind, ist niemand befreit. Es ist extrem wichtig, dass wir uns das immer wieder bewusst machen. Auch in der queeren Community haben wir wahnsinnig viel Machtasymmetrien. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Männlichkeit hoch gewichtet ist und cis Normativität vorherrscht. Nicht alle in der Community haben diese Privilegien. Wir müssen unsere Pluralität anerkennen und sehen: So viel Gleichstellung ist noch nicht erreicht. Es braucht uns.
Was für Wege gibt es, diese Verantwortung wahrzunehmen und ins Handeln zu kommen?
Wir haben die Wahl, die eigene Erfahrung als Verbindung zu nutzen oder für single issues zu kämpfen und uns zu entsolidarisieren, und damit die Freiheit anderer als weniger wichtig einzustufen. Es braucht die Bereitschaft, die eigene Verletztheit einen Moment zurückzustellen und anzuerkennen, dass verschiedene Erfahrungen nebeneinanderstehen. Nicht anerkannt zu werden als schwule oder lesbische Person ist mega schmerzhaft. Ich weiss, wie es sich anfühlt, als Lesbe nicht gesehen zu werden, die Hand meiner Partnerin loszulassen, weil ich mich unsicher fühle.

Dort kann ich mich emotional verbinden und versuchen zu verstehen, was es bedeutet, als trans oder non-binäre Person nicht anerkannt zu werden und sich unsicher zu fühlen. Wir müssen in der Community diese Verbindung suchen, Gespräche über diese Themen führen, und lernen, das Eigene nicht immer als Zentrum zu priorisieren. Unsere Erfahrungen stehen nebeneinander, wenn wir uns verbünden, sind alle von uns stärker. Wir tolerieren keine Diskriminierung und stehen für alle ein.
Wie können queere Organisationen und Veranstaltungen wie z. B. Pride Demos sicherstellen, dass so viele Menschen aus der Community wie möglich repräsentiert, angesprochen, und unterstützt werden?
Durch die Priorisierung der Schwächsten. Ich denke an die Zurich Pride-Demo. Da gibt es eine Nummern-Logik. Aber eine numerologische Ordnung macht nur bedingt Sinn, zuerst verlangt es doch nach einer normativen Logik der Gerechtigkeit. Im Programm werden auch verschiedene Themen sichtbar gemacht, z.B. Regenbogenfamilien, Queer & Disability oder Rechte von Refugees. Es ist sehr wichtig, dass solche Themen einen zentralen Platz bekommen bei den Reden und bei der Verteilung. Ich finde, die Pride muss ein politischer Anlass sein – nicht parteipolitisch aber politisch – denn es geht um die Rechte der queeren Community. Das ist immer politisch und soll auch diesen Stellenwert erhalten. Gleichstellung ist nicht erreicht, da sind wir uns alle einig, also soll das zentriert werden.
«Ich finde, die Pride muss ein politischer Anlass sein.»
Im Grunde sollten diejenigen, die bezahlt oder unbezahlt professioneller an diesen Themen arbeiten, im Hintergrund ein Diversitätskonzept haben. Wir haben zum Beispiel bei unserem Buch «No to Racism»* verschiedene Formen von Rassismus benannt und haben versucht jede Form in mindestens zwei Beispielen zu erwähnen. Dafür haben wir mit verschiedenen Fachleuten und Betroffenen gearbeitet und eine Statistik bezüglich erwähnter Beispiele geführt. Oft wird der Begriff «queer» gebraucht, um breiter zu denken – das müssen wir weiterhin pflegen. Dass bei vielen queeren Organisationen und Veranstaltungen nun Themen wie inter, trans, race, disability berücksichtigt werden, hat lange gedauert. Auch das hat etwas mit Konzept zu tun, was wieder etwas mit Haltung zu tun hat, dass man sich mit diesen Themen am auseinander setzen ist.
Und vielleicht auch, dass wir uns gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn Perspektiven fehlen. Wir sind nicht die Diversität für den Rest der Gesellschaft. Die haben wir innerhalb unserer eigenen Community. Wenn ich in einer spezifischen Bubble nicht drin bin, muss ich schauen, dass mir Leute erzählen, was sie wissen. Nehmen wir das Beispiel der postmigrantischen Schweiz. Wie sieht diese Schweiz aus? Ist sie bei unserer Veranstaltung, in unserer Organisation vertreten? Wenn nicht, wie stellen wir sicher, dass das so ist? Wir müssen uns auch nicht schmücken, in dem wir diese Pluralität mit Ausrufezeichen benennen. Sie gehört einfach dazu. Gewisse Leute nennen das Normalisierung. Ich finde den Normbegriff schwierig. Doch! Wir normalisieren Pluralität.
Was ist eigentlich…
Muslimischer Fastenmonat
Fest zum Fastenende
Hinduistisches Lichterfest
Eines der wichtigsten jüdischen Feste
Wichtige christliche Feste
Wenn Personen oder Gruppen aufgrund von willkürlichen oder anderen Merkmalen in sozial konstruierte Kategorien eingeteilt werden. Diese Kategorisierung führt oft zu Diskriminierung, Vorurteilen und Ungleichheiten. Der Begriff hebt hervor, dass «Rasse» keine biologische, sondern eine soziale Konstruktion ist, die durch gesellschaftliche Normen, Machtstrukturen und historische Kontexte geformt wird. (notoracism.ch/glossar)
Rassismusbetroffene Menschen können als weiss gelesen werden. Dieser Ausdruck wird verwendet, um eine Realität beziehungsweise eine Position innerhalb eines rassistischen Systems zu beschreiben, bei der rassismusbetroffene Menschen von gewissen Menschen nicht als solche erkannt werden. Sie werden aufgrund ihres Aussehens weniger oder nicht rassistisch diskriminiert, können aber andere Rassismuserfahrungen machen, zum Beispiel aufgrund ihres Namens. (notoracism.ch/glossar)
Der Begriff bezeichnet Menschen die nicht inter* sind, deren Körper also nach medizinischen Normen eindeutig weiblich oder männlich eingeordnet werden. Endogeschlechtlichkeit wird in der Gesellschaft als Norm angesehen und somit geniessen endogeschlechtliche Menschen gesellschaftliche Vorteile. (regenbogenportal.de)
Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. (TGNS)
