Lila (sie/ihr und they/them) ist Drag-Künstlerin und Aktivistin. Sie teilt ihre ganz persönliche Perspektive zu Gender Expression.
Text: Lila Plakolli
Die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings scheinen durch die Spalten der Rollläden und wecken mich. Der Geruch von frisch gemähtem Gras und das Zwitschern der Vögel läuten meine Lieblingszeit an. Die Zeit der T-Shirts und kurzen Hosen. Die Zeit, in der ich glücklich und motiviert bin. Die Zeit, in der ich viel schneller angezogen im Rollstuhl sitze und ohne Decke in die Stadt kann. Die Zeit, in der ich Sonnenbaden kann, um die Wärme der Sonnenstrahlen an meiner Haut zu spüren.
Im Jahr 2022 war etwas anders. In diesem Jahr wagte ich es, meine feminine Seite zu offenbaren. Ich war aufgeregt und freute mich darauf, aber ich hatte auch Angst und war nervös. Bis jetzt hatte ich eine sehr maskuline Gender Expression. Doch ich bat meine Betreuer*in, mir die Arme und Beine zu rasieren, einen Minirock und ein Crop Top anzuziehen und mich zu schminken. Die Rasierklinge an meinen Beinen fühlte sich fremd, aber gut an. Als ich raus an die Sonne fuhr, fühlte ich mich frei. Ich spürte die Sonne und die frische Brise an neuen Körperstellen. Als ich Vollgas fuhr, spürte ich den Wind an meinem Bauch und zwischen meinen Beinen. Es fühlte sich irgendwie sexy an.
Ich hatte aber auch grosse Mühe. Denn jedes Mal, wenn ich mich entschied, was ich anziehen will, kriegte es jede Person mit. Zuerst musste ich mich trauen, dem*der Betreuer*in zu zeigen, was ich anziehen will. Obwohl ich wusste, dass niemand etwas sagen würde, fiel es mir schwer. Bei den Bewohner*innen war ich mir aber nicht so sicher. Ich überlegte mir jeden Tag sehr gut, was ich anziehen möchte. Denn ich wusste nie, wer wie reagieren würde. Manchmal fuhr ich an einigen Menschen schneller vorbei, um ihren Reaktionen auszuweichen.

Meine Gender Expression ist mir sehr wichtig, da ich dadurch mich selbst repräsentiere. Im Theater liebte ich es, in andere Rollen zu schlüpfen. Im Gender-Playroom* konnte ich geschminkt werden und mit Genderrollen spielen. Als ich mit Drag anfing, konnte ich mich für Shows schminken und feminin kleiden. Dadurch kam ich zur Erkenntnis: We are born naked, the rest is Drag.** So fing ich an, auch privat mit Gender Expression zu experimentieren. Als ich ein Kind war, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, da es bereits einen vorgefertigten Ausdruck meines Geschlechts und der maskulinen Gender Expression gab: Undercut, T-Shirt, Jeans, Turnschuhe. Schon lustig, dass ich das so eindeutig kategorisiere, nur weil es mir und vielen von euch so beigebracht wurde. Als ich mich outete, fing ich an mit bunten, grellen Farben. Danach fing ich an, mich schminken zu lassen, Tops, Leggins oder Röcke anzuziehen und alles zu rasieren, um eine feminine Gender Expression zu haben.
Mittlerweile mische ich alles durcheinander und habe meine ganz eigene Gender Expression. Ich fühle immer eine riesige trans joy, wenn ich morgens mein Outfit für den Tag aussuche. Ich kann frei entscheiden, was ich anziehen will. Für mich ist das wie Drag-Performance im Alltag.
* Der Gender-Playroom ist ein entspannter queerer Raum, in dem mit Gender gespielt werden kann. Er ist antirassistisch, antiableistisch und queer-feministisch. Im Gender-Playroom kann mit Make-up, Gesichtsbemalung, Perücke und Accessoires, die Gender Expression aufgebrochen werden.
** Nach RuPaul, US-amerikanische Drag Queen.
