Im Gespräch mit Detty Berta: «Ich bin das Haus, das Haus bin ich»

Freiwilligenarbeit in der queeren Community ist oft nicht nur ein unentgeltliches Engagement, sondern für viele Menschen auch eine Möglichkeit, Halt und Stabilität in der Com­munity zu finden. Detty Berta erzählt.

Interview: Elle Bohner

Wie kamst du zur Freiwilligenarbeit im Regenbogenhaus und zu deiner eigenen Arbeitsgruppe bei den HAZ – Queer Zürich?

Ich habe schon 2016 versucht, in der Community in Zürich aktiv zu werden, aber irgendwie habe ich nichts gefun­den, was wirklich gepasst hat. Die Dinge waren entweder sehr etabliert oder sehr unprofessionell. Das Regenbogenhaus war etwas Neues, gerade am Entstehen. Im Juni 2021 öffnete das Haus schliesslich seine Türen für die Öffentlichkeit und ich begann als Mitglied des ersten Freiwilligenteams: Team Regenbogenhaus. Am Anfang war während unserer Öffnungszeiten sehr wenig los. Das Team und die angebotenen Aktivitäten wuchsen allmählich, die Leute kamen, und ich engagierte mich auch als organisierende Mode­ratorin in der Diskussions­gruppe Queer-Migs.

Wir trafen uns monatlich und sprachen über einen Themenbogen, den ich hauptsächlich zusammengestellt und vorbereitet hatte. Das hat Spass gemacht und ich glaube, die Leute mochten die Gruppe. Ich habe das etwas mehr als ein Jahr lang gemacht, nun existiert die Gruppe unter neuer Leitung. Es gab einige negative Bekanntschaften im Haus, die aber nie einen Schatten auf die riesige Menge an posi­tiver Energie und den positiven Austausch werfen konnten, die mir das Haus bescherte. Es war auch neu für mich, wie man sich in der queeren Community bewegt und dabei passieren einem selbst natürlich auch Fehler. Die Leitung des Regenbogenhauses und der HAZ – Queer Zürich hat mir immer den Rücken
gestärkt und mich in schwierigen oder diskriminierenden Situationen geschützt.

Inwieweit hat deine Freiwilligenarbeit in der queeren Community deine persönliche Entwicklung beeinflusst?

Für mich ist das Ehrenamt mehr als eine sinnvolle Beschäftigung, auch mehr als nur der Gemeinschaftsaspekt. Die Gründung des Regenbogenhauses hat meine eigene Transition stark mitgeprägt. Es gab mir einen Grund, mich schick zu machen und zweimal pro Woche aus dem Haus zu gehen, um Feedback zu bekommen und mich über alles, was trans und nicht-trans ist, auszutauschen. Mein weiblicher Geschlechtsausdruck erblühte, während ich zur selben Zeit in die soziale Rolle und Wahrnehmung einer Frau hineinwuchs. Was ich von der Community bekommen habe, ist die offensichtlichste und natür­lichste Wahrnehmung meiner wahren Geschlechtsidentität von Anfang an.

Detty Berta

Die Möglichkeit, vom Baby-Trans zu der zu werden, die ich jetzt bin, hat alle anderen Elemente der Transition katalysiert, die rechtlicher, medizinischer und sozialer Natur sind. Wir haben alles im Haus von Grund auf gemeinsam aufgebaut. Alle Einrichtungen, Angebote, die gesamte Arbeitsweise sowie das Team wurden schrittweise über die letzten 2,5 Jahre hinweg entwickelt. In dieser Zeit war ich auch im Prozess, eine Frau zu werden – in the making as a woman. Deshalb kann ich mit gutem Gewissen sagen: Ich bin das Haus, das Haus bin ich.

Wie haben dein Hintergrund und deine persönlichen Erfahrungen deine Herangehensweise an die Freiwilligenarbeit in der queeren Community geprägt?

Man sagt, es sei sehr schwer, sich als Ausländer*in in der Schweiz zu integrieren. Sollte das stimmen, hatte ich grosses Glück, denn ich hatte immer das Gefühl, dass hier niemand aufgrund der Herkunft ausgeschlossen wird, man ist in erster Linie queer und das ist, was zählt. Auch wenn mein Deutsch nicht schweizerisch ist und ich auch nicht immer alles verstehe, was in einem Dialekt gesagt wird, hat es mich nie von einem Besuch des RBH abgehalten. Die Leute wollen mich verstehen und sind interessiert an meiner Geschichte. Ich kann sagen, dass ich jetzt sowohl offiziell als auch gesellschaftlich Schweizerin bin. Das ist auch etwas, wofür ich dem Haus dankbar bin, und ich sehe, dass Menschen mit nicht perfektem Deutsch ähnlich willkommen sind.

Du hast der queeren Gemeinschaft viel Zeit, Energie und Unterstützung gewidmet. Welchen Rat würdest du Menschen geben, die sich engagieren möchten?

Wie du sehen kannst, ist der Gesamtnutzen, den ich aus der Freiwilligen­arbeit gezogen habe, ein enormes Paket. Aber ich musste durchhalten, ich musste immer wieder kommen, ich musste viele langweilige Stunden Diskussionen ertragen, bei denen ich dachte, was zum Teufel mache ich hier eigentlich. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber es gibt hier noch viel Raum, um etwas beizutragen. Deshalb kann ich allen Interessierten nur raten, zu kommen und das Regenbogenhaus zu ihrem Zuhause zu machen. Schnuppert rein in das Geschehen, engagiert euch auch bei der HAZ – Queer, geniesst die Veranstaltungen. Investiert und schaut, was dabei herauskommt. Bleibt dran und das Regenbogenhaus sowie die Menschen darin werden früher oder später auch Teil von euch selbst werden. Und das ist wahrscheinlich der Sinn der Freiwilligen­arbeit: dazuzugehören, wo man gesehen wird.