Sie möchte mehr Menschen erreichen, grösser und diverser werden: Die Regenbogenkirche in Zürich-Wollishofen. Pfarrerin Nicole Becher und Leitungsteam-Mitglied Urs Maier geben Einblick in ihren Alltag als offene Kirche mit queerem Fokus und sprechen über Herausforderungen, Wünsche und Schlupflöcher.
Text: Mo
Von aussen sieht die Regenbogenkirche gegenüber der Migros in Wollishofen tatsächlich aus wie eine Kirche. «Das ist eher ungewöhnlich», sagt Nicole. Häufig befänden sich evangelisch-methodistische Kirchen (kurz: EMK*) in ganz gewöhnlichen Gebäuden. Die Regenbogenkirche ist eine kleine Kirchgemeinde innerhalb der EMK und entstand 2020 auf Initiative langjähriger, queerer Mitglieder der bereits bestehenden Wollishofer EMK. Ausser der Pfarrperson sind alle unbezahlt engagiert. Die meisten Mitglieder sind über 50 Jahre alt und cis, davon viele Männer und wenige Frauen, ein grosser Teil ist queer. «Ich wünsche mir, dass wir grösser, lebendiger und diverser werden», sagt Urs. Er ist langjähriges HAZ-Queer Mitglied, hat in den 90-er Jahren bei der Zabi-Disco, später im HAZ Centro mitgearbeitet, die Wandergruppe HAZ Outdoor aufgebaut und während 15 Jahren geleitet.
«Wir bezeichnen uns nicht als queere Kirche», erzählt Urs, «denn das würde für mich heissen, dass wir nur für queere Menschen da sind, was wiederum Ausschluss für andere Menschen bedeutet. Wir sehen uns als offene Kirche mit speziellem Fokus auf queeren Menschen und sind da für alle, die in einer lebendigen Gemeinschaft Gott suchen wollen.»

Urs ist seit seiner späten Jugend gläubig und ist es auch nach seinem Coming out geblieben. Er hat aber lange geglaubt, es gebe keinen Platz für ihn in einer Kirche. Auch Nicole kennt die marginalisierte Position. Sie ist heterosexuell und Mutter von fünf Kindern diverser sexueller Orientierungen und Identitäten. Als sie sich für das Studium zur Pfarrerin entschied, habe sie keine einzige weibliche Pfarrperson gekannt, sagt sie.
In der Regenbogenkirche gibt es Raum für vieles, was in traditionellen Kirchen keinen Platz hat. «Alle sollen kommen können, wie sie wollen», betonen Urs und Nicole. Für die Person im Stöckelschuh oder in den kurzen Hosen gebe es genauso positive Anerkennung wie für den schillernden Nagellack und den barfüssigen Pfarrer. In ihren Predigten verwendet Nicole für Gott mal weibliche, mal männliche Pronomen, der Kirchenmusiker schreibt jeweils Lieder um. «Gott ist nicht männlich», sagt Nicole. Beim Apéro nach dem Gottesdienst, bei gemeinsamen Abendessen oder anderen geselligen Anlässen werde offen übers Queersein gesprochen, über die eigene Geschichte, über Ängste und Sorgen, über Sexualität. «Das wäre in anderen Kirchen nicht denkbar.» Die Regenbogenkirche ist auch Anlaufstelle für queere gläubige Menschen und ihre Angehörigen, die Fragen zur Vereinbarkeit von christlichem Glauben und queerer Identität haben.
«Alle sollen kommen können, wie sie wollen»
Als Gemeinde würden sie auch versuchen, immer wieder selber an sich zu arbeiten. «Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein wollen», sagt Nicole. Sie und Urs sind sich einig, dass die Diskussionen innerhalb der weltweiten EMK um die Anerkennung von queeren Menschen endlich aufhören müssen. Auch sollte es unbedingt möglich sein, queere Pfarrpersonen zu ordinieren (d.h. ins Amt zu setzen) und queere (Ehe-)Paare zu segnen, was aktuell beides nicht erlaubt ist. Die hierarchische Struktur der weltweiten EMK erfordert Erlaubnis von oben für vieles, aber laut Nicole gibt es Schlupflöcher: «Wenn mich ein queeres Paar fragen würde, ob ich sie segnen könne, würd ichs machen.»
* Die EMK ist eine relativ grosse Freikirche, deren Glaubens- und Gedankengut viel Ähnlichkeit mit der reformierten Kirche hat. Sie finanziert sich aus Kollekten- und Spendengeldern von Mitgliedern. Die Bibel ist ihre Basis, diese wird jedoch nicht als unfehlbar und fehlerfrei verstanden. Bezüglich gelebter Homosexualität und Queerness im Allgemeinen gehen die Meinungen innerhalb der EMK stark auseinander und drohen die weltweite EMK zu spalten.
Neugierig?
Komm vorbei! Gottesdienste und andere Anlässe finden meistens am Sonntag um 18:30 in der Regenbogenkirche (Mutschellenstrasse 188, Zürich-Wollishofen, Tram- und Bushaltestelle Morgental) statt.
Weitere Infos findest du unter regenbogenkirche.ch oder

