Die queere Geschichte der Schweiz – eine Chronologie

Unsere Chronologie steigt im Jahr 1972 ein, als die ersten Homosexuellen Arbeitsgruppen in Zürich, Basel, Bern und St. Gallen gegründet werden und damit auch die HAZinfo, Vorfahrin des HAZ Magazins!

Text: Julia Grell

1978

Ende Juni findet der erste Christopher Street Day in Zürich statt, als Erinnerung an die Stonewall Riots in New York zehn Jahre zuvor.

1982–1987

Ab 1982 gibt es erste Aids-Patienten in der Schweiz, 1985 wird die Aids-Hilfe Schweiz gegründet, 1987 startet die nationale Präventionskampagne gegen Aids.

1989

1989 – Christopher Street Day in Zürich zum 20. Jubiläum von Stonewall (Bild: Mensch, Kathia, Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv Signatur Sozarch_ F_5041-Fd-012)

Im Juni jähren sich die Stonewall Riots bereits zum 20. Mal. Zürich begeht auch dieses Jubiläum mit einem Christopher Street Day.

Im Dezember wird die Lesbenorganisation Schweiz LOS gegründet. Sie setzt sich schweizweit für die vollständige Gleichstellung frauen­liebender Frauen vor dem Gesetz und in der Gesellschaft ein.

1993

Im Juni wird Pink Cross, Dachorganisa­tion der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz, gegründet. Sie setzt sich unter anderem für Antidiskriminierung und Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare in der Schweiz ein. Im gleichen Jahr wird die Petition «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare» lanciert, auch ein Anstoss für das Partnerschaftsgesetz. Zwei Jahre später wird die Petition mit rund 85 000 Unterschriften dem Parlament in Bern übergeben.

1994

Seit 1989 hat der Christopher Street Day in Zürich nicht mehr stattgefunden. Zum 25-jährigen Stonewall-Jubiläum wird er neu veranstaltet und bis heute jedes Jahr als Zurich Pride gefeiert. 

1996–1998

Weil die Petition «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare» in der Politik nach wie vor nicht diskutiert wurde, finden zwischen 1996 und 1998 verschiedene Protestaktionen auf dem Bundesplatz in Bern statt. Dazu gehören die Aktion «Lange Bank» und die Wecker-Aktion. Im Dezember 1998 reicht die grüne Zürcher Nationalrätin Ruth Genner eine Parlamentarische Initiative ein, die die Regelung der Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren fordert.

1996 – Aktion Lange Bank 1996 in Bern.
(Fotograf:in unbekannt, Quelle: Verein Pink Cross ID 0249)
1998 – Wecker- Aktion 1998 in Bern
(Fotograf:in unbekannt, Quelle: Verein Pink Cross)

1999

Die neue Bundesverfassung wird im April vom Volk angenommen. Sie enthält neu ein Verbot von Diskriminierung auf Grund der Lebensform.

2001

In den Kantonen Genf und Zürich werden Gesetze zur Registrierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eingeführt.

2005

2005 – Abstimmungsplakat zum Partnerschaftsgesetz 2005
(Quelle: Verein Pink Cross ID 0825)

An der nationalen Abstimmung über das «Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare» im Juni stimmt das Volk mit 58% Ja der Vorlage zu.

2010

2010 fordert die Petition «Familienchancen», dass eingetragene gleichgeschlechtliche Paare und ihre Kinder die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollen wie Ehepaare und deren Kinder. Im gleichen Jahr wird auch das «Transgender Network Switzerland» (TGNS) gegründet und setzt sich seitdem schweizweit für die Gleichstellung von trans und non-binären Personen ein.

2012

Im Februar wird die queere Jugendorganisation Milchjugend gegründet.

2013–2015

2013 reicht die Grünliberale Fraktion die parlamentarische Initiative «Ehe für Alle» ein, damit die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wird. Zwei Jahre später, 2015, stimmt die Rechtskommission des Ständerats der «Ehe für alle»-Initiative zu. Die Rechtskommission des Nationalrats hatte zuvor schon zugestimmt.

2016

Die Schweiz tritt an der «Global LGBTI Human Rights Conference» in Monte­video/Uruguay der «Equal Rights Coalition» bei, die sich für die Gleichstellung von lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen sowie von trans und inter Menschen einsetzt.

2017

Im September findet das erste Mal das lila. queer festival statt.

2017 – Das erste lila.queer Festival in Wittnau/AG (Bild: Milchjugend)
2017 – Gründung Regenbogenhaus im Zollhaus in Zürich (Bild: Regenbogenhaus Zürich)

An zwei ausserordentlichen Generalversammlungen im November sprechen sich die Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ) und der Verein Regenbogenhaus dafür aus, im Projekt Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite ein Regenbogenhaus zu realisieren. Es soll vielen LGBTQIA+ Organisationen und der ganzen Community zur Verfügung stehen, was es seit Sommer 2020 auch tut und unter anderem eine queere Bibliothek beinhaltet.

2018

Der Verein Milchjugend eröffnet im Februar in Luzern zusammen mit dem Kollektiv Kopfkino die «Milchbar» im städtischen Jugendkulturhaus Treibhaus. Seitdem gibt es die Milchbar in zahlreichen Schweizer Städten. Sie bietet jungen queeren Menschen Raum zum Austausch in lockerer Umgebung.

2019

2019 wird das erste Swiss LGBTIQ+ Panel veröffentlicht, eine schweizweite Umfrage, die längerfristig die Lebenssituationen von queeren Menschen in der Schweiz untersucht. Dieses Jahr ist bereits die fünfte Version erschienen.

2020

Das Schweizer Stimmvolk spricht sich im Februar dafür aus, dass Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verboten werden soll.

2020 – Abstimmungsplakat Ja zum Schutz vor Hass (Bild: Komitee Ja zum Schutz vor Hass)

2021–2022

2021 – Die Öffnung der Ehe durch Volksentscheid ist ein historischer Moment für gleichgeschlechtliche Paare in der Schweiz. (Bild: Fabian Weingartner)

Im September 2021 sagt das Schweizer Stimmvolk schliesslich Ja zur Ehe für alle, am 1. Juli 2022 tritt sie in Kraft. Sie ermöglicht gleichgeschlechtlichen Paaren die gemeinsame Adoption eines Kindes, vereinfacht das Einbürgerungsverfahren für ausländische Ehepartner*innen und erlaubt Frauenpaaren die Samenspende im Inland.

Eine Woche nach der Zurich Pride findet im Juni 2022 erstmals eine Alternativ­veranstaltung statt – der CSD Zureich, der sich konsequent auf die politischen Wurzeln der Pride beruft.

Die SP queer wird im September desselben Jahres gegründet. Dieser Teil der Partei versteht sich als «organisierte, queerfeministische Strömung basierend auf sozialdemokratischen Werten innerhalb der SP Schweiz».

Im Dezember verweigert der Bundesrat den Eintrag eines dritten Geschlechts in den Personalausweis.

2022 – Gründung SP queer Schweiz (Bild: SP Schweiz)

2023

2023 ist in der Schweiz wieder Wahljahr für die Parlamente und auch Bundesratssitze stehen wieder zur Verfügung. Tamara Funiciello, Co-Präsidentin der SP Frauen, überlegt sich eine Bundesratskandidatur. Die queere Zürcher Aktivistin Anna Rosenwasser kandidiert auf der SP-Liste für den Nationalrat. Mehrere non-binäre Personen kündigen ihre Kandidatur für den Nationalrat an.

Anfang des Jahres wird die Änderung von Geschlechtseintrag und Namen im Personenstandsregister einfacher. Die Revision des Zivilgesetzbuches führt zu einer Verbesserung der Situation von trans Menschen in der Schweiz.

Im Juli gibt Swissmedic bekannt, dass schwule und bisexuelle Männer bei der Blutspende nicht mehr diskriminiert werden sollen. Damit wird eine jahrelange Forderung von Pink Cross erfüllt: Für alle Personen gelten unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung neu die gleichen Blutspendekriterien.

Obwohl sich innerhalb der letzten Jahrzehnte viel verändert hat in der Schweiz bezüglich der Situation von queeren Menschen, ist die LGBTQIA+ Community dennoch unterrepräsentiert in der Schweizer Politik.